Interview Bildung: Was guten Unterricht auszeichnet

Freiburg / Axel Habermehl 03.08.2018
Guter Unterricht muss an vorhandenes Wissen von Schülern anknüpfen, sagt der Forscher Volker Reinhardt im Interview.

Volker Reinhardt ist Professor für Politikwissenschaft und Politikdidaktik an der PH Freiburg. Er forscht zur Wirksamkeit von Schulunterricht.

Herr Reinhardt, wenn man die
Schulvergleichsstudien der vergangenen Jahre heranzieht, lässt die Qualität des baden-württembergischen Unterrichts nach. Woran
liegt das?

Volker Reinhardt: So einfach ist es nicht. Ob Pisa, Hattie oder Iglu: Die jüngsten Bildungsstudien ­hatten oft einen allgemeinen Blick auf das Schulsystem, ­außerdem wurden sie von der ­Politik parteipolitisch genutzt und umgedeutet. Wir sollten aber viel ­genauer in die jeweiligen ­Fächer hineinschauen und fragen: Was macht wirksamen Unterricht aus?

Was macht ihn denn aus?

In einem Satz ist das nicht zu sagen. Aus unserem Forschungsprojekt sind elf Bücher entstanden, in denen es um einzelne Fächer geht, und es wird weitere sechs Bände geben.

Können Sie etwas herausgreifen?

Lehrer sollten sehr viel mehr auf vorhandenes Vorwissen von Schülern achten. Was bringen Schüler mit? Welche Vorstellungen haben sie von der Welt? Welche Lernvoraussetzungen bringen sie mit? Darauf muss Unterricht stärker aufbauen.

Nämlich wie?

Ein Beispiel aus meinem Fach Politik: Wenn Grundschüler sagen „Angela Merkel ist die Königin von Deutschland“, ist das zwar falsch, aber als Lehrer kann ich damit arbeiten, dieses Wissen modellieren und daran anknüpfen. Natürlich kann Merkel als Regierungschefin viel bestimmen, aber sie hat eine Regierungsmannschaft. So kann man demokratische Prozesse und Institutionen an den Präkonzepten der Schüler erarbeiten. Das geht in jedem Fach, ob in Mathematik oder Geschichte. Kinder haben Vorstellungen von der Welt, guter Unterricht knüpft an sie an.

Tun Lehrer das nicht jeden Tag?

Sicher, aber in den vergangenen Jahren ist man sehr stark von Bildungs- oder Lehrplänen ausgegangen. Man definiert, was Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt können müssen. Damit nimmt man Schüler als Tabula Rasa, in deren leere Köpfe man Wissen füllen kann. Die Köpfe sind aber nicht leer.

Was haben Sie noch heraus­gefunden?

Zum Beispiel, dass die Fokussierung auf eine große Methodenvielfalt seit den 80er Jahren zwar wichtig war, um vom alten lehrerzentrierten Unterricht wegzukommen. Aber nur Methodenvielfalt bringt es nicht. Es geht um Tiefenstruktur: Wie gelingt es, dass Schüler etwas tiefgehend lernen, und es nicht am nächsten Tag oder nach der Klassenarbeit wieder vergessen? Außerdem wurde der Wert guter Lernaufgaben und geschickt gestellter Diagnoseaufgaben vernachlässigt. Beides ist wichtig, damit Lehrer individuell und differenziert auf einzelne Schüler eingehen können. Denn die Klassen werden immer heterogener.

Passt die Lehrerausbildung zu Ihren Vorstellungen?

Die Ausbildung ist in den letzten vier bis fünf Jahren besser geworden. Vor allem an den Universitäten, wo Gymnasiallehrer studieren, ist durch die Bachelor-/Master-Umstellung viel passiert. Es sind mehr fachdidaktische Inhalte hinzugekommen, mehr Pädagogik und Psychologie. An den Pädagogischen Hochschulen, die Grund-, Haupt- und Realschullehrer ausbilden, gibt es diese Orientierung schon seit vielen Jahren. Aber man könnte natürlich noch deutlich mehr machen.

Das bedeutet, die meisten so ausgebildeten Lehrer sind nicht in den Schulen?

Genau, die studieren noch. Die erste Kohorte, die diese neuen Schwerpunkte hat, kommt in etwa zwei Jahren an die Gymnasien. Die werden dann deutlich bessere Kenntnisse in Fachdidaktik und pädagogischer Psychologie haben.

Sie waren selbst sechs Jahre Gymnasiallehrer. Waren Sie ausreichend vorbereitet, als sie erstmals vor der Klasse standen?

Nein, war ich nicht. Ich war ­fachlich gut ausgebildet, aber fachdidaktisch und pädagogisch-psychologisch musste ich viel in den ersten Jahren an der Schule lernen. Das geht natürlich auch, aber die neue Ausbildung macht es den jungen Lehrern ­e­infacher.

Aufwändiges Buchprojekt

Was ist wirksamer und guter Fachunterricht? Danach fragt das Buchprojekt der Herausgeber Volker Reinhardt, Markus Wilhelm (Luzern) und Markus Rehm (Heidelberg). Erschienen sind bisher elf Bände, jeweils für ein Schulfach, in der nächsten Tranche sind sechs weitere Bücher geplant. Für jeden Band wurden Experten befragt: zehn Hochschul-Fachdidaktiker sowie zehn Seminarleiter und erfahrene ­Lehrer. hab

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