Demo Warum Russlanddeutsche gegen die Flüchtlingspolitik demonstrieren

Demonstration von Russlanddeutschen am Sonntagabend in Villingen-Schwenningen: Der Anlass ist eine offenbar erfundene Vergewaltigung, doch die Verunsicherung in der Community ist groß.
Demonstration von Russlanddeutschen am Sonntagabend in Villingen-Schwenningen: Der Anlass ist eine offenbar erfundene Vergewaltigung, doch die Verunsicherung in der Community ist groß. © Foto: Marc Eich (dpa)
Lahr / CHRISTIAN KRAMBERG, THOMAS STEINER 26.01.2016
Spontane Demos: Tausende Russlanddeutsche sind gegen "Ausländergewalt" auf die Straße gegangen. Als der OB von Lahr sie daran erinnert, dass sie selbst Einwanderer waren, muss die Polizei eingreifen.

Am Montag hat der Lahrer Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller in sozialen Netzwerken viel Lob erhalten. „Respekt vor diesem couragierten Mann“ – „Das hat er sehr gut gemacht“ – „Hut ab vor diesem OB“. Gemeint war sein Auftritt bei einer Demonstration von Russlanddeutschen am Sonntag auf dem Lahrer Rathausplatz. Etwa 350 Menschen – überwiegend Spätaussiedler – hatten sich dort eingefunden, um gegen die Flüchtlingspolitik Angela Merkels zu demonstrieren. Die Stimmung war aufgeheizt, Auslöser war die angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen in Berlin.

Ein privates Video zeigt, wie sich Müller mit dem Megaphon einer aufgebrachten Menschenmenge stellt. Als er darauf hinweist, dass er als Oberbürgermeister selbst „x-mal kritisch gefragt worden sei, warum das kleine Lahr 9000 Spätaussiedler aufnehmen müsse“, erntet er erboste Zwischenrufe, es gibt Pfiffe und Geschrei, ein Mann will ihm das Megaphon wegnehmen. Die Polizei muss ihn beschützen. Am Ende der Aufnahme appelliert der OB an die Menschen, weniger emotional zu sein: „Sie lassen sich aufstacheln und stacheln sich gegenseitig auf. Kommen Sie wieder runter auf Normaltemperatur."

Dass die Debatte in Lahr hochkocht, ist kein Zufall: In kaum einer Stadt in Baden-Württemberg sind in den 90er Jahren so viele Spätaussiedler untergekommen: Rund jeder Vierte der 40.000 Einwohner stammt aus der ehemaligen Sowjetunion. Der Kanadaring, ein Viertel am Stadtrand, wird von den Einheimischen oft „Klein-Kasachstan“ genannt. Hier arbeitet Hilda Beck, selbst Spätaussiedlerin und Sozialarbeiterin bei der Stadt. Sie war bei der Demonstration dabei. Die Einladungen seien über den Handydienst „Whatsapp“ verschickt worden, wer der Initiator war, weiß sie nicht. „Der Ton der Nachricht hat mir aber nicht gefallen.“

Beck bestätigt, dass unter den Spätaussiedlern große Verunsicherung und Angst vor Flüchtlingen herrsche. Sie berichtet von einer Frau, die ihr Kind nicht mehr alleine zum Kindergarten gehen lässt, oder von einer Krankenschwester, die nicht mehr mit dem Rad fährt. Hinzu komme, dass viele Spätaussiedler seit der Ukraine-Krise den deutschen Medien nicht mehr vertrauen würden.

Auch an zahlreichen anderen Orten vor allem in Baden-Württemberg und Bayern versammelten sich am Sonntag spontan Russlanddeutsche, um (unangemeldet) zu demonstrieren. Im Land zählte die Polizei insgesamt rund 4500 Teilnehmer. In Villingen-Schwenningen demonstrierten rund 1300 Russlanddeutsche auf dem Münsterplatz unter dem Motto „Gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland“. In Rastatt trafen sich 400 Menschen vor dem Rathaus. In Ellwangen kamen laut Polizei rund 150 Menschen auf den Marktplatz. „Von dort begann ein Marsch durch Ellwangen, der schließlich vor der Eingangspforte zur Landeserstaufnahmeeinrichtung endete“, sagte ein Polizeisprecher. Auch in Bayern versammelten sich in Augsburg, Nürnberg, Erlangen und Regensburg Russlanddeutsche zur Demo, forderten in teils auf russisch vorgetragenen Texten eine Verteidigung „deutscher und christlicher Werte“.

Dass ausgerechnet Russlanddeutsche, die vor 25 Jahren selbst viele Vorurteile erleben mussten, nun gegen Einwanderung agieren, findet der Migrationsforscher Jannis Panagiotidis nur auf den ersten Blick paradox: Die Russlanddeutschen hätten sich selbst nie Migranten, sondern stets als Deutsche verstanden. Als solche grenzten sie sich von heutigen Migranten ab. Dennoch unterscheide sich ihre Sicht auf die Welt häufig von der der deutschen Mehrheitsgesellschaft, was unter anderem mit dem Medienkonsum zu tun habe. „Es gibt eine russischsprachige Öffentlichkeit in Deutschland, die sich mit anderen Dingen befasst als der deutschsprachige Mainstream“, sagt Panagiotidis, der an der Universität Osnabrück über Russlanddeutsche forscht.

Zugleich aber fänden unter Russlanddeutschen dieselbe Diskussion wie in der übrigen Gesellschaft statt, meint er – etwa im Lichte der Übergriffe von Köln. Dabei kommen offenbar auch pauschale Ängste und Vorurteile auf: In Offenburg wehren sich gerade Eltern aus Spätaussiedler-Stadtteilen dagegen, dass ihre Kinder in der Schule Kontakt mit Kindern einer Vorbereitungsklasse für Flüchtlinge haben.

Hohe Wellen

Am 16. Januar hat das russische Staatsfernsehen über eine angebliche Vergewaltigung einer 13-Jährigen in Berlin berichtet: Das Mädchen sei von drei Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden. Tatsächlich war ein Mädchen im Berliner Stadtteil Marzahn vorübergehend als vermisst gemeldet worden. Die Polizei stellt aber klar, nach ihren Ermittluingen „gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung“. Ermittelt wird wegen eines einvernehmlichen Sexualkontakts, Flüchtlinge seien nicht beteiligt. Dennoch schlug die Geschichte in russischsprachigen Internet-Medien riesige Wellen.