Würth-Entführung Warten auf Kidnapper-Prozess

Künzelsau / Hans Georg Frank 15.06.2018

Eine Anklage ist auch drei Monate nach der Verhaftung des mutmaßlichen Entführers von Markus Würth nicht erhoben. „Die Ermittlungen stehen kurz vor dem Abschluss“, sagte Rouven Spieler, stellvertretender Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen, auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Ein 48 Jahre alte Serbe war ziemlich überraschend im März gefasst worden, nachdem ihn eine Zeugin zunächst auf einem Phantomfoto erkannt und über eine Hotline der Polizei auch seine Stimme identifiziert haben wollte. Zuvor hatte den Ermittlern gut 1000 Tage lang der entschei­dende Hinweis auf den Täter gefehlt.

An Baum gefesselt

Der wegen eines Impfschadens seit seinem zweiten Lebensjahr behinderte Sohn des Künzelsauer Unternehmerpaares Reinhold und Carmen Würth war am 17. Juni 2015 in einer beschützenden Einrichtung, dem Hofgut Sassen in der Nähe von Fulda, gekidnappt worden. Sofort wurde eine groß angelegte Suchaktion gestartet. Am Morgen des nächsten Tages fand die Polizei das damals 50 Jahre alte Opfer in einem Wald bei Würzburg. Markus Würth war mit einer Kette an einen Baum gefesselt. Er war äußerlich weitgehend unversehrt. Der Täter hatte den Fahndern die Stelle genannt.

„Markus hatte Glück, dass er nicht sprechen kann“, sagte Reinhold Würth (83) kürzlich in einem Interview. „Hätte er verraten können, wie der Täter aussah, hätte der ihn wahrscheinlich umgebracht.“ Als sein Sohn entdeckt worden sei, habe er „nicht mal einen Bluterguss“ gehabt.

Von den Eltern war ein Lösegeld von drei Millionen Euro gefordert worden. Es kam zu keiner Übergabe. Zwar wurde auch mit Hilfe der ZDF-Sendung „Aktenzeichen xy ungelöst“ nach Täter und eventuellen Komplizen gesucht, aber der „Soko Hof“ gelang der erhoffte Durchbruch nicht. Dabei hatten Sprachanalysen der aufgezeichneten Telefonate durch Spezialisten des Bundeskriminalamtes und der Uni Marburg ergeben, dass der Mann zwischen 40 und 52 Jahren sein und aus dem Grenzgebiet zwischen Serbien und Montenegro stammen müsse. Deutsch habe er vermutlich im Rhein-Main-Gebiet gelernt.

Bei der Festnahme schnappten Spezialkräfte der Polizei in Offenbach einen 48 Jahre alten Handwerker, der in dem vermuteten Balkangebiet aufgewachsen ist. Der Mann ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er war nach längerer Observation in seiner Wohnung überwältigt worden. Zwar hat er nach Angaben von Ermittlern beim ersten Verhör „zehn Stunden dauergequatscht“, ein Geständnis habe er jedoch nicht abgelegt. Daran hat sich nach Informationen dieser Zeitung bisher nichts geändert.

Nach der gescheiterten Erpressung soll der Serbe 2017 erneut versucht haben, Lösegeld zu erpressen. Wie die Staatsanwaltschaft im Frühjahr mitteilte, soll er gedroht haben, entweder noch einmal Markus Würth oder ein anderes Mitglied der Familie zu entführen. In seinen E-Mails hat er angeblich umgerechnet 70 Millionen Euro in einer Kryptowährung verlangt. Der Kontakt ist dann aber abgebrochen.

Mindestens fünf Jahre Haft

Das Strafgesetzbuch definiert in Paragraf 239a den „erpresserischen Menschenraub“: „Wer einen Menschen entführt oder sich eines Menschen bemächtigt, um die Sorge des Opfers um sein Wohl oder die Sorge eines Dritten um das Wohl des Opfers zu einer Erpressung auszunutzen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.“

Ein Prozess würde bei einer Anklage im Fall Würth vor dem Landgericht Gießen stattfinden.

Eine Belohnung von 30 000 Euro steht der Hinweisgeberin zu, wenn der Tatverdächtige überführt ist. hgf

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