Missbrauch Warten auf eine Entschuldigung

Der emeritierte Erzbischof Robert Zollitsch.
Der emeritierte Erzbischof Robert Zollitsch. © Foto: dpa
Oberharmersbach / Von Petra Walheim 10.11.2018

Mehr als 20 Jahre hat Franz B., Gemeindepfarrer in Oberharmersbach (Ortenaukreis), Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Die Übergriffe wurden bekannt. Robert Zollitsch, damals Personalreferent des Ordinariats in Freiburg, hat den Pfarrer in den Ruhestand versetzt, die Staatsanwaltschaft aber nicht informiert. Das wird ihm bis heute vorgeworfen. Von den Betroffenen, die nach wie vor unter den Übergriffen leiden, und nun auch von seinem Nachfolger als Freiburger Erzbischof, Stephan Burger. Gestern wurde bekannt, dass Burger mit Zollitsch ein klärendes Gespräch führen wolle. Zollitsch hat sich offenbar noch nicht geäußert.

Bisher ließ Zollitsch (80) wissen, dass er sich zu den Missbrauchsfällen nicht mehr äußern werde. Vor acht Jahren, als eine große Zahl von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche bekannt wurde, hatte er zugegeben, in Oberharmersbach einen Fehler gemacht zu haben. Zu der Zeit war er Erzbischof von Freiburg und Vorsitzender der Bischofskonferenz. In einem Brief an die Gemeinde St. Gallus hat er 2010 nach Auskunft der Pressestelle des Ordinariats eingeräumt, er hätte entschiedener vorgehen und anders entscheiden sollen. „Auf diesem Weg bitte ich Sie nochmals von ganzem Herzen um Verzeihung“, heißt es da. Bereits am 19. Juni 2010 habe er sich in Oberharmersbach mit Betroffenen und deren Angehörigen getroffen. Persönlich hat er sich vor der Gemeinde nie entschuldigt.

Das hat der heutige Erzbischof Stephan Burger vor drei Wochen übernommen. Er hat die Gemeinde am 21. Oktober zum Kirchenpatrozinium besucht. In der Predigt sagte er: „Es wurde vertuscht und Personen versetzt, der Schutz der Institution Kirche wurde über den Schutz der Betroffenen gestellt, und immer wieder wurde auch keine Verantwortung übernommen.“ Burger nannte keine Namen. Er entschuldigte sich „für dieses Verhalten meiner Vorgänger und der Verantwortlichen in der Bistumsleitung“, und er bat um Vergebung.

Die Kirche sei voll gewesen, sagt Richard Weith, Bürgermeister von Oberharmersbach. Er nannte den Besuch des Erzbischofs und seine Worte eine „große Geste“. Burger habe im Gottesdienst signalisiert, dass seine Tür für Gespräche offen stehe. Erste Gespräche seien vereinbart worden oder hätten schon stattgefunden, sagt der heutige Gemeindepfarrer Bonaventura Gerner. „Dass den Betroffenen und den Angehörigen endlich Gehör geschenkt wird, ist ein unglaublich wichtiges Zeichen.“

Erzbischof Zollitsch sei nie in Oberharmersbach gewesen und habe sich auch nie gemeldet, sagt Pfarrer Gerner. Die Menschen hätten seit 1991, als die Missbrauchsfälle bekannt geworden sind, darauf gewartet, dass die Bistumsleitung offiziell Stellung nimmt. „Kein Bischof war bis dahin vor Ort.“ Erzbischof Stephan Burger sei der Erste. „Darauf haben die Menschen gewartet“, betont Pfarrer Gerner. Dass der Erzbischof „Verantwortung übernimmt, ist ein wichtiges und versöhnliches Zeichen“.

Franz B. war von 1968 bis 1991 Gemeindepfarrer in Oberharmersbach. Von Anfang an hat er Kinder und Jugendliche, die als Ministranten für ihn greifbar waren, sexuell missbraucht. Manche bis zu hundert Mal. 22 Opfer sind bekannt. „Wir gehen aber davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer höher ist“, erklärt die ­Pressestelle in Freiburg. Als die Übergriffe 1991 bekannt wurden, hat Robert Zollitsch ihn in  den vorzeitigen Ruhestand versetzt – und es dabei belassen. Die Mutter eines missbrauchten Jungen hat Anzeige erstattet. 1995 hat sich der Pfarrer das Leben genommen.

Gemeindepfarrer Bonaventura Gerner hat Erzbischof Burger gebeten, der emeritierte Erzbischof möge das Bistum nicht mehr öffentlich vertreten. „Ich tue, was ich kann“, lautet die Antwort von Erzbischof Burger. Er könne Zollitsch nicht am Ausüben seiner bischöflichen Rechte hindern, heißt es aus der Pressestelle. „Diese Autorität liegt in Rom.“

Zehn Jahre Präventionsarbeit

Menschen, die von Geistlichen missbraucht werden oder wurden, können sich an die Missbrauchsbeauftragten des jeweiligen Bistums wenden.

Im Erzbistum Freiburg wurde vor zehn Jahren mit der Präventionsarbeit begonnen. Erzbischof Stephan Burger kündigte an, die Präventionsarbeit werde weiter ausgebaut, evaluiert und verbessert. Außerdem wurde eine neue Kommission gebildet. Die Gruppe prüft,  welche Strategien mit Blick auf Klerikalismus, Macht und Missbrauch jeglicher Art  für das Erzbistum verfolgt werden müssen.  wal

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