Mangelware Stellplätze Fernverkehr: Mit neuen Ideen gegen „Geisterparker“

Lastzug an Lastzug eingeparkt: Alltag auf den Autobahnparkplätzen, hier bei Heimsheim an der A8  zwischen Stuttgart und Karlsruhe.
Lastzug an Lastzug eingeparkt: Alltag auf den Autobahnparkplätzen, hier bei Heimsheim an der A8 zwischen Stuttgart und Karlsruhe. © Foto: Manfred Grohe
Gruibingen/Stuttgart / Martin Hofmann 29.08.2018

Albaufstieg A8, Richtung Ulm, Donnerstag, 23.30 Uhr. Kurz vor der Raststätte Gruibingen sind zwei Sattelzüge auf der Standspur abgestellt. Nichts deutet auf eine Panne hin. Am Rand des Verzögerungsstreifens zur Raststätte parken ebenfalls unbeleuchtete Lkw. Auf den Parkflächen des Rastplatzes stehen sie dicht an dicht. Jeder nur denkbare Raum für ein mehrachsiges Fahrzeug ist besetzt. Eine kleine Slalomfahrt ist notwendig, um an den großen Brummern vorbei zurück auf die Autobahn zu gelangen.

Massives Parkplatzproblem

Zufall oder Alltag? Laut Verkehrsministerium in Stuttgart gibt es auf den Autobahnen in Baden-Württemberg 6700 Lkw-Stellplätze. Es fehlten aber rund 2300. Der Mangel an Parkraum sei vor allem entlang der Transitrouten A5, A6 und A8 groß. „Wir haben im Großraum Stuttgart ein massives Parkplatzproblem“, bestätigt Peter Widenhorn, Sprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Von Sisyphusarbeit sprächen seine Kollegen von der Autobahnpolizei rund um die Landeshauptstadt. Schickten die Beamten etwa einen Fahrer weg, der seinen Lkw an der Ein- oder Ausfahrt eines Parkplatzes abgestellt habe, stünde kurze Zeit später ein anderer dort. Auch das unzulässige Parken in Baustellenbereichen nehme zu. „Gott sei Dank passieren nur wenige Verkehrsunfälle“, sagt er. Dass dieses rechtswidrige Parken sehr gefährlich ist, steht außer Frage. 2017 starben auf der A40 in Nordrhein-Westfalen innerhalb von sechs Wochen ein Motorrad- und ein Lastwagen-Fahrer, weil sie abgestellte Lkw nicht rechtzeitig gesehen hatten.

Auch im Verlauf der A8 Richtung München haben Lkw-Fahrer Probleme, Parkplätze zu finden, sagt Wolfgang Jürgens vom Polizeipräsidium Ulm. „Dass ein Lkw auf dem Standstreifen steht, kommt bei uns aber nur gelegentlich vor“, schildert er die Erfahrungen der Autobahnpolizei. Stellten die Fahrer ihre Lkw nicht verkehrsgefährdend ab, drückten die Beamten ein Auge zu.

Eine einfache Rechnung

Warum? Eine Lösung für „Geisterparker“ – wie sie die Polizei auch nennt – sei schwer zu finden, sagt Polizeisprecher Widenhorn. Die Lkw-Fahrer wollen auf jeden Fall vermeiden, ihre Lenkzeiten zu überschreiten. Die einfache Rechnung: Dies kostet ein Verwarnungsgeld von mindestens 30 Euro, ihr Transportunternehmen zahlt zusätzlich mindestens 90 Euro. Parken auf dem Standstreifen wird mit Bußgeld von 70 Euro geahndet. Verlassen sie die Schnellstraße müssen sie geeigneten Parkraum finden – etwa in Gewerbegebieten. Kommunen sperrten solche Areale aber zunehmend, sagt Widenhorn, weil Müll liegen bleibt, wegen Wildpinklerei oder nächtlichem Lärm. Der Neu- und Ausbau von Autobahn-Parkplätzen stößt zudem auf wachsenden Widerstand in den Anrainergemeinden. Freie Flächen asphaltieren? Nein, danke.

Überlagert wird das Problem vom permanenten Zeitdruck im Transportgewerbe. Längst haben viele Firmen ihre Lagerhaltung auf die Straße verlegt. Das spart Kosten. Kommt eine Lieferung nicht pünktlich, steht die Produktion. Und der Lkw-Verkehr nimmt deutlich zu. Laut Prognose des Bundesverkehrsministeriums werden bis zum Jahr 2030 knapp 40 Prozent mehr Güter über deutsche Straßen gekarrt als bisher. Eine Voraussage für den dafür benötigten Parkraum soll Ende des Jahres vorliegen. Dass sie steigt, versteht sich.

App für Lkw-Parkplätze

Mit Hochdruck arbeitet die Straßenbauverwaltung Baden-Württemberg“ daran, bereits fehlende Stellplätze zu schaffen, erklärt das Verkehrsministerium in Stuttgart. An der A5 bei der Rastanlage Bühl entstanden im Frühjahr 108 neue Parkplätze. Richtung Basel hat das Land an fünf Raststätten automatische Hinweissysteme auf Freiplätze installiert. Sie sind über die Straßenverkehrszentrale abrufbar. Geprüft wird auch, ob an Rastanlagen mit zwei Fahrgassen eine als Parkraum genutzt werden kann. Dies brächte 40 Prozent mehr Stellplätze, so das Ministerium.

Eine rasch wirkende Alternative, die Situation zu entspannen, bietet das Unternehmen Bosch. Es hat eine App für Lkw-Parkplätze am Rand der Autobahnen entwickelt. „Die Idee ist, bestehende Flächen optimal zu nutzen statt neue zu versiegeln– von Autohöfen, Speditionen, anderen Unternehmen“, sagt Jan-Philipp Weers, zuständig für das „Secure Truck Parking“-System. Über ihr Mobilphone können Fahrer sehen, ob ein Parkplatz frei ist und ihn ordern. Die Gebühren liegen zwischen 5 und 35 Euro pro Nacht – je nach Angebot an Sanitäranlagen und wie sicher der Platz gegen Eindringlinge ist. Nach Schätzungen wird jährlich Lkw-Fracht im Wert von 1,5 Milliarden Euro gestohlen. „Deutschland gehört neben Belgien und den Niederlanden zu den Hotspots der meist organisierten Kriminalität“, sagt Weers.

Das Bundesamt für Güterverkehr erstattet deutschen Spediteuren 80 Prozent der Parkgebühr. Das Geld stammt aus einem Ausgleichstopf für die Lkw-Maut.

Konzept kommt an

Und wer macht mit? Bosch in Karlsruhe stellt nachts seinen Mitarbeiter-Parkplatz zur Verfügung, das Kreuzfahrt-Terminal in Hamburg ist dabei, sofern dort keine Passagiere an 110 Tagen im Jahr auf große Fahrt gehen. „Ökonomisch und ökologisch sinnvoll“ nennt Weers die Initiative: Die Vorteile: Kein Geisterparken, kein Lärm und Spritverbrauch durch Suchverkehr, kein Quadratmeter wird neu asphaltiert, dem Diebstahl vorgebeugt. Neubau und Erhalt der kostenlosen Autobahn-Parkplätze finanziert der Steuerzahler pro Jahr mit einem dreistelligen Millionenbetrag.

Das Verkehrsministerium in Stuttgart sieht solche Konzepte „sehr positiv“. Nach den Sommerferien will es alle Akteure zusammenholen, um den Lkw-Parkdruck kurz- und mittelfristig zu mindern.

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Lenk- und Arbeitszeiten

9 Stunden dürfen Lkw-Fahrer hinterm Lenkrad sitzen, zweimal in der Woche sind 10 Stunden erlaubt. Nach 4,5 Stunden müssen sie 45 Minuten Pause einlegen, diese kann in 15 und anschließend 30 Minuten aufgeteilt werden. Bei zehn Stunden sind zweimal 45 Minuten zu nehmen. Arbeiten dürfen dann nicht stattfinden.

11 Stunden beträgt die Tagesruhezeit. Sie darf dreimal zwischen zwei Wochenruhezeiten auf 9 Stunden verkürzt werden. Die Wochenruhezeit muss spätestens nach sechsmal 24 Stunden genommen werden und beträgt 45 Stunden. Diese Zeiten gelten in der EU im gewerblichen Güterverkehr für Fahrzeuge mit mehr als 3,5 Tonnen Gesamtgewicht, in Deutschland mit mehr als 2,8 Tonnen. Lenk- und Ruhezeiten werden mit einem Kontrollgerät erfasst.

8 Stunden beträgt die tägliche Arbeitszeit nach dem deutschen Arbeitszeitgesetz, das für angestellte Lkw-Fahrer ebenfalls gilt. Die tägliche Arbeitszeit kann auf höchstens 10 Stunden ausgedehnt werden, wenn innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden nicht überschritten werden. Im Güterverkehr zählen Fahrtunterbrechungen und Ruhepausen, auch im Führerhaus, nicht dazu.

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