Seine Flucht brachte Guido Göser zwar die Freiheit - aber die groteske Geschichte ist damit für den Leiter der Deutschen Schule in Guatemala längst nicht beendet. Interpol sucht den 65-Jährigen aus Donzdorf (Kreis Göppingen) mit internationalem Haftbefehl, der Vorwurf der guatemaltekischen Behörden: Misshandlung Minderjähriger. Dahinter verbirgt sich eine Geschichte, in der es um einflussreiche Familien, mächtige Rechtsanwälte und ein desolates Justizsystem geht.

Göser kann diese Zustände bezeugen, er hat seine Erfahrungen damit gemacht. Es begann vor vier Jahren: Drei 15-jährige Schüler drängten eine Zwölfjährige dazu, mit dem Handy ein Zitat Göser, "Masturbationsvideo" zu drehen. Dieses wurde an der Schule verbreitet. Als die Sache aufflog, gab es laut Göser "einstimmige Konferenzbeschlüsse", die Jungen der Schule zu verweisen; auch der Vorstand der Deutschen Schule sei sich einig gewesen.

Zwei Schüler und deren Eltern akzeptierten dies, nicht so Manuel A., dessen Eltern "eine bekannte, einflussreiche Familie" in Guatemala seien, berichtet Göser. "Noch einflussreicher und berühmt-berüchtigt ist ihr Anwalt, der war sogar mal Verfassungsrichter." Was dann passierte, schildert Claudia Talaska, Pressesprecherin des Bundesverwaltungsamts in Köln.

Dies Behörde ist für die deutschen Schulen im Ausland zuständig und hat den Pädagogen Göser als Schulleiter nach Guatemala entsandt. "Der Vorgang führte zu einem fast vier Jahre andauernden Rechtsstreit", sagt Talaska. Es habe "ständige Gerichtstermine mit zum Teil absurden Anschuldigungen" gegeben. Unter anderem werde der Schule vorgeworfen, dass der betroffene Schüler durch das Vorgehen "gesundheitliche Schäden erlitten hätte - genauer: Die Fähigkeit des Schülers zur individuellen, familiären, sozialen Entspannung und Erholung sei beeinträchtigt worden". "Ich war schon ein Dutzend Mal in Guatemala vor Gericht", sagt Göser, dem es im September 2014 zu bunt wurde: Er kaufte ein Flugticket nach Deutschland, wollte sich absetzen. Doch offenbar wurde er observiert, kurz vor dem Abheben der Maschine setzten ihn Polizisten fest.

Wenige Tage später startete Göser dann einen erneuten Versuch. Dieses Mal auf dem Landweg, "durch den Dschungel mit Handgepäck". Eineinhalb Tage sei er nach El Salvador unterwegs gewesen, von dort nach Europa geflohen.

"Diese zur Anzeige gebrachten Vorwürfe sind unzutreffend und entbehren jeglicher Grundlage", betont Talaska und beschreibt das Vorgehen der Behörden in Guatemala: "Es kam zu Ausreiseverboten, Kontensperrungen, Hausarresten und Blockierung von Immobilien der Schule und ihrer Entscheidungsträger." Diese schwerwiegenden Maßnahmen wären in Deutschland schon aufgrund "einer massiven Unverhältnismäßigkeit völlig undenkbar und veranlassten den Schulleiter, aus Schutzgründen Guatemala zu verlassen". Ein Entschluss mit Folgen: "Dies führte dazu, dass gegen ihn zunächst ein lokaler Haftbefehl in Guatemala erlassen wurde, der zu einer Ausschreibung auf internationaler Ebene geführt hat", bedauert die Pressesprecherin.

Nun wird Göser, der 1969 im Göppinger Wirtschaftsgymnasium sein Abitur gemacht hat, also von Interpol gesucht. Erst vor wenigen Wochen war er zum Klassentreffen im Filstal, da hat er festgestellt, dass er der letzte seines Jahrgangs ist, der noch arbeitet. "Ich bin ja noch immer Leiter der Schule - aber am Freitag werde ich pensioniert", sagt er .

Doch die Geschichte ist für ihn nicht ausgestanden. "Meine Anwälte sagen, sei mal vorsichtig." Deutschland solle er vorläufig nicht verlassen, bis die Vorwürfe geklärt sind - "das kann Probleme geben".

Und Manuel A.? Der Sohn aus reichem Hause ist seit mehr als zwei Jahren auf einem vornehmen Internat in Niedersachsen, die Kosten pro Jahr schätzt Göser auf "mehr als 30.000 Euro". Unterdessen haben das Bundesverwaltungsamt und Göser gegen den Schüler und dessen Eltern in Deutschland Strafanzeige erstattet.

Fragwürdiges System

Mächtige Familien "Bezeichnend für das guatemaltekische politische System ist die starke Stellung von Kräften, die außerhalb des Parteiensystems stehen, jedoch nachhaltigen politischen Einfluss ausüben: Hier ist in erster Linie eine Handvoll mächtiger Familien zu nennen." So schätzt das Auswärtige Amt die Lage in dem zentralamerikanischen Land ein.