Gomaringen-Grafeneck Vom Heim zur Vernichtungsfabrik

Gomaringen-Grafeneck / MADELEINE WEGNER 17.01.2015
Es war der Beginn des systematischen Tötens: Vor 75 Jahren wurden in Grafeneck mehr als 10.000 psychisch kranke und behinderte Menschen ermordet. Auch heute noch begeben sich Angehörige auf Spurensuche.

Nur ein schmaler Weg führt den Berg hinauf nach Grafeneck. Vor einem der niedrigen Gebäude nagt ein Esel an einem ausgedienten Weihnachtsbaum, ein Lama steht vor dem Stall: Die Samariterstiftung betreibt hier einen Biolandhof. Mehr als hundert Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung wohnen auf dem Gelände.

1928 hatte die Samariterstiftung das Jagdschloss Grafeneck gekauft und für die "Versorgung krüppelhafter und gebrechlicher Leute" genutzt. Doch 1940 wurde die Heilanstalt zur ersten Vernichtungsanstalt: Hier, auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb, wurden noch vor dem Holocaust 10 654 Menschen getötet - zum ersten Mal systematisch und massenhaft.

1939 war Grafeneck "für Zwecke des Reichs" beschlagnahmt worden, um ab dem 18. Januar 1940 psychisch Kranke und Behinderte aus Baden, Württemberg, Bayern und Hessen zu ermorden. Drei graue Busse waren im Einsatz, um Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten abzuholen. Die staatliche Zielvorgabe lautete, 30 Prozent der Insassen aller großen Heime im heutigen Baden-Württemberg umzubringen.

Helene Krötz war eines der Opfer. Sie lebte 14 Jahre in der Diakonie Stetten, wo sie auf Anordnung des Innenministeriums am 18. September 1940 abgeholt, nach Grafeneck gebracht und noch am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet wurde. "Unerwartet am 4. Oktober 1940 an Wanderrose mit anschließender Blutvergiftung gestorben", stand im Schreiben an die Angehörigen. Und wie in den vielen anderen Briefen auch: "Bei ihrer schweren unheilbaren Erkrankung bedeutet der Tod eine Erlösung für sie." Euthanasie - "der gute Tod" - nannten die Nationalsozialisten das Morden. Es gehörte zur Verschleierungstaktik, falsche Todesursachen anzugeben und das Sterbedatum zu verlegen.

Ein Schleier des Schweigens legte sich auch über die meisten Familien der Opfer. "Der Mord an Helene Krötz lag wie ein Nebel über unserer Familiengeschichte", sagt Renate Völker. Erst vor drei Jahren begann sie, die Geschichte ihrer Tante Helene aufzuarbeiten. Beim Ausräumen des Hauses ihrer Großeltern fand sie ein Kästchen, darin zwei Fotos von Helene Krötz. "Ich fühlte eine Verpflichtung, ihre Geschichte zu erforschen", sagt die 61-Jährige. Keine leichte Aufgabe, wie sich bald zeigte. Ihre Nachfragen bei der Diakonie Stetten seien zunächst abgewehrt worden. "Wenn man so etwas aufarbeitet, dann macht man sich auch im Jahr 2011 nicht beliebt", sagt Völker. Auch in ihrer Familie stieß sie mit ihren Recherchen bei manchen auf Missmut.

"Das Schweigen und Verdrängen ist in vielen Familien betonhart", sagt Franka Rößner vom Dokumentationszentrum Grafeneck. Eine Rolle spiele dabei auch die Scham darüber, dass es einen psychisch kranken Angehörigen gab.

Zu den Akten, in die Renate Völker schließlich Einsicht nehmen durfte, gehörte die Transportliste, auf der sie den Namen ihrer Tante fand, sowie ein Pflege-Protokoll aus der Heilanstalt Stetten mit einer handschriftlichen Notiz über Helene Krötz: "Zu keiner Arbeit fähig" - das Todesurteil für die 21-Jährige. Gutachter im Berliner Innenministerium entschieden über Tod und Leben der Patienten anhand von Meldebögen aus den Heimen. Die meisten Heimleiter wussten, was in Grafeneck geschieht: Jene aus staatlichen Heimen wurden vorab nach Stuttgart berufen. "Wir kennen vier Beispiele von den insgesamt 47 Heimleitern, die versucht haben, sich in irgendeiner Form zu widersetzen", sagt Historikerin Rößner.

"Bei der Entscheidung über Leben und Tod ging es ganz klar um Kosten und Nutzen. Es wurde nach Leistung, nicht nach der Behinderung selektiert", sagt Rößner: Wer arbeiten konnte, wurde nicht umgebracht. Auch Kranke, die zu Hause versorgt wurden, waren sicher: Dort kosteten sie den Staat kein Geld. "Das Selektionsprinzip von damals verstehen Kinder sofort - darüber diskutieren wir sehr viel mit den Gruppen", sagt Rößner, die auch für die pädagogische Arbeit in Grafeneck zuständig ist. "Die Kinder wissen sofort, worum es heute in der Gesellschaft geht: um Arbeit und um Geld", sagt sie.

Zwischen 350 und 400 Besucher-Gruppen, darunter viele Schüler, kommen jährlich nach Grafeneck. Seit Eröffnung des Dokumentationszentrums 2005 mit Ausstellung, Bibliothek und Archiv hat sich die Zahl mit rund 20 000 Besuchern pro Jahr vervierfacht. Auf dem Grafeneck-Gelände steht die 1990 errichtete Gedenkstätte in Form einer offenen Kapelle. In einem Gedenkbuch nahe der Kapelle sind die 9600 bislang bekannten Namen der Opfer aufgelistet. Das Gebäude mit der Gaskammer wurde 1965 abgerissen, dort steht heute eine Turnhalle.

Der Zusammenhang zwischen "Euthanasie" und dem Holocaust wird auch an den Tätern deutlich: Ein großer Teil des Personals war in späteren Jahren an der Ermordung der Juden beteiligt, darunter der Leiter und ärztliche Direktor von Grafeneck, Horst Schumann. Er wurde Lagerarzt im Vernichtungslager Auschwitz. In den Prozessen vor deutschen Gerichten in Tübingen und Freiburg wurden zehn Männer und Frauen "wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit" und "Beihilfe zum Mord" in Grafeneck angeklagt. Fünf wurden freigesprochen.

Tod auf Befehl aus der Tiergartenstraße

Euthanasie Die organisierte Ermordung von fast 11 000 Kranken und Behinderten in Grafeneck war Teil des "Euthanasie"-Programms der Nationalsozialisten. Ziel war die "Vernichtung von lebensunwertem Leben". Mit dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" wurde 1933 der Grundstein gelegt. Das Gesetz sah die Sterilisation von Menschen mit vermeintlichen Erbkrankheiten vor. Auf dessen Grundlage wurden 400 000 Menschen zwangssterilisiert.

Aktion T4 Mindestens 5000 körperlich oder geistig behinderte Kinder wurden ab 1939 umgebracht ("Kinder-Euthanasie"). Zwischen 1940 und 1941 folgte die Ermordung von über 70 000 Menschen in zentralen Vernichtungsanstalten. Auch nach der Schließung Grafenecks ging das systematische Töten in Brandenburg, im hessischen Hadamar, in Bernburg (Sachsen-Anhalt), im sächsischen Sonnenstein und in Hartheim (Österreich) weiter. Die systematische Ermordung wurde nach Kriegsende auch als "Aktion T4" bezeichnet - als Abkürzung für die Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4. Sie war zuständig für die Bestellung von Gutachtern und die Erfassung der Opfer durch Meldebögen. Als Planziel galt die Ermordung von 100 000 Menschen. Im Sommer 1941 ließ Hitler die "Erwachsenen-Euthanasie" in den Tötungsanstalten einstellen. Die Ermordungen waren damit jedoch nicht beendet.

 

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel