Stuttgart Vollblutpolizist aus Aalen: Ralf Michelfelder wird Chef des LKA

Ralf Michelfelder über seine neue Arbeitsstelle: "Die Behörde lauft Gefahr, den über Jahrzehnte gesammelten Erfahrungsschatz zu verlieren."
Ralf Michelfelder über seine neue Arbeitsstelle: "Die Behörde lauft Gefahr, den über Jahrzehnte gesammelten Erfahrungsschatz zu verlieren." © Foto: dpa
Stuttgart / NICO POINTNER, DPA 14.08.2015
Er war Einsatzleiter beim Amoklauf in Winnenden und beim Brand in Backnang: Ralf Michelfelder ist seit mehr als 30 Jahren Polizist. Als neuer Chef des LKA sind Verbrecher nicht sein einziges Problem.

Ralf Michelfelder hatte an seinen letzten Tagen in Aalen noch viel zu tun. Der Polizeipräsident musste im Präsidium im Ostalbkreis sein Büro aufräumen, sich von Kollegen verabschieden und noch einige Entscheidungen treffen. "Sie standen im ganzen Flur, jeder will noch was", sagt der 55-Jährige. Ihm bleiben nur wenige Tage, um sich auf seinen neuen Job in Stuttgart vorzubereiten. Michelfelder sieht es gelassen. "Es ist ja nicht so, dass mir das Landeskriminalamt fremd wäre." Der Aalener Polizeipräsident wird am 15. August neuer Chef des LKA Baden-Württemberg. Er tritt die Nachfolge Dieter Schneiders an, der Ende März mit 61 Jahren in den Ruhestand gegangen ist.

Michelfelder kennt schon die internen Abläufe, die Kollegen - und das Geschäft der Verbrechensbekämpfung. Er ist Vollblutpolizist. So bezeichnen ihn Kollegen, so bezeichnet er sich selbst.

Michelfelder ist seit 1981 im Dienst. Er fuhr Streife in Waiblingen, kümmerte sich im Innenministerium um strategische Kriminalitätsbekämpfung, im LKA um organisierte Kriminalität. Er baute das Polizeipräsidium Aalen im Zuge der Polizeireform um. "Er kennt sich auf allen Ebenen der Polizei aus", sagt Joachim Lautensack, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft.

In fast 35 Jahren hat der 55-Jährige nicht nur schöne Tage im Dienst erlebt. Michelfelder war Einsatzleiter bei der Brandkatastrophe in Backnang. Bei dem verheerenden Flächenbrand waren 2013 eine 40-jährige Mutter und sieben ihrer zehn Kinder gestorben. Und Michelfelder war Einsatzleiter beim Amoklauf in Winnenden. Der 17-jährige Tim K. hatte im Jahr 2009 an seiner ehemaligen Schule in Winnenden und auf der Flucht in Wendlingen 15 Menschen und sich selbst erschossen. "Das ist etwas, dass man nur einmal im Leben mitmacht und nie mehr vergisst", sagt der neue LKA-Chef im Rückblick.

800 Polizisten waren damals im Einsatz. Michelfelder war direkt an der Schule, koordinierte, fahndete nach dem Täter. Die Beamten hätten sich seit 2007 auf so eine Lage vorbereitet gehabt. "Die Polizei hat das Optimum gemacht, was machbar war", sagt er heute. Trotzdem gehe so ein Einsatz an niemandem spurlos vorüber. "Es ist die Aufgabe des Vorgesetzten, die Richtung vorzugeben, und auch um sich zu schauen, ob jeder die Belastung aushalten kann." Polizeigewerkschafter Lautensack weiß: "In einer solchen Situation die Fäden zusammenzuhalten, ist eine sehr schwere Aufgabe."

Michelfelder sucht den Rückhalt und Ausgleich im Familienleben. Er lebt in Backnang im Rems-Murr-Kreis, ist seit fast 30 Jahren verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder. Er will authentisch sein als Chef, er sieht sich nicht als Mann großer Worte, unverbindlicher Floskeln. "Ein Händedruck, ein Schulterklopfen - das signalisiert, ich weiß, was du gerade durchmachst, und das hat auch was mit Zuspruch zu tun." Hans-Jürgen Kirstein, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), meint: "Er hat das richtige Händle für die Führung von Menschen und kann konsequent durchgreifen."

Für sein neues Amt hat Michelfelder sich hohe Ziele gesteckt. Er will die Zahl der Straftaten senken, die Aufklärungsquote heben. "Wir haben für uns den Anspruch, eine der besten Polizeien im Bund zu sein", sagt er. Vor allem der Cyberkriminalität, aber auch der Bedrohung durch islamistische Straftäter will er sich widmen. "Sicherlich auch dem Wohnungseinbruch, der die Bürger unmittelbar tangiert."

Neben der Verbrechensbekämpfung muss er sich Herausforderungen in der Behörde stellen. Im LKA steht ein Generationenwechsel an. "Wegen der hohen Einstellungszahlen in den 70er und 80er Jahren haben wir eine Unwucht, die sich immer weiter Richtung Pensionierung schiebt", in den nächsten acht Jahren gehen rund 40 Prozent der Ermittler in den Ruhestand.

Die Behörde läuft Gefahr, den über Jahrzehnte gesammelten Erfahrungsschatz zu verlieren. Die Kompetenz muss ersetzt werden. "Es kommt ja nicht überraschend, man hat sich nicht darauf vorbereitet", kritisiert GdP-Vize Kirstein. Es gebe keine stellenübergreifenden Übergaben, keine Doppelbesetzungen bei der Polizei. "Nur freiwillige Dienst-Verlängerungen können das eine oder andere auffangen."

Die Beamten im LKA sind hoch spezialisiert, die Ausbildung dauert meist lang. Michelfelder muss Nachwuchs holen, den Wissenstransfer auf die nächste Generation organisieren. Dabei will er so früh wie möglich auf Spezialisierung der neuen Kräfte setzen statt auf Allround-Ausbildung von der Wirtschafts- bis zur Rauschgiftkriminalität. "Wir müssen uns konzentrieren auf eine schnelle und auf die Aufgaben bezogene Wissensvermittlung".

Das Landeskriminalamt

Besondere Aufgaben Das baden-württembergische Landeskriminalamt (LKA) ist die Schnittstelle zwischen Innenministerium und Polizei. Die Behörde übernimmt besondere Aufgaben bei der Kriminalitätsbekämpfung. Rund 1100 Mitarbeiter ermitteln in Bereichen wie Rauschgifthandel, Cyberkriminalität und Geldwäsche. "Die zunehmende Internationalisierung schwerer und organisierter Kriminalitätsformen und die gestiegene Komplexität der Kriminalitätsbekämpfung erfordern dabei eine verstärkte Spezialisierung", schreibt die Behörde.

Bindeglied zum BKA Unmittelbar zuständig ist das LKA etwa bei politisch motivierten Straftaten. Zudem sammelt es Informationen und erstellt Lagebilder für die Landespolizei. Das LKA ist dem Landesinnenministerium unterstellt und Bindeglied zum Bundeskriminalamt (BKA).

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