Die Deutschlehrerin der 9c scheint sich einen speziellen Gag zur Motivation ihrer Klasse ausgedacht zu haben, denkt der Realschüler Steffen. Als gerade darüber diskutiert wird, ob Killerspiele einen normalen Jugendlichen in einen aggressiven Typen verwandeln, stürmt ein bewaffneter Junge herein, den Steffen wegen seiner Vorliebe für eben solche Killerspiele kennt. Was erst wie ein schlechter Scherz anmutet, wird zu tödlicher Realität. Steffen alarmiert an jenem Mittwoch, 11. März 2009, um 9.33 Uhr die Polizei: "Albertville-Realschule, da gibt es eine Schießerei."

Der Amokläufer Tim K. tötet mit der Pistole seines Vaters acht Mädchen, einen an Krücken humpelnden Jungen und drei junge Lehrerinnen in dem Gebäude der Albertville-Realschule (ARS). Auf der Flucht ermordet er noch drei Männer, dann richtet er sich selber.

Eine Woche zuvor hat die Schülerin Jenny mit ihrer Klasse den Film "Die Welle" besprochen. Darin wird ein Junge zum Mörder, er heißt Tim. "Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn bei uns ein Amoklauf wäre", sagt Jenny zu ihrer Freundin. "Nicht bei uns" antwortet diese, "nicht hier in Winnenden." Jenny mag heute nicht mehr an einen Zufall glauben.

Steffen, Jenny, die Deutschlehrerin und drei weitere Schülerinnen beschreiben in einem jetzt erschienenen Buch "unser Leben nach dem Amoklauf", so der Untertitel. Sie schildern erstmals für die Öffentlichkeit ihre ganz persönliche Betroffenheit, ihr Schicksal. "Ein durchgeknallter Junge hat unser Leben zerstört", fasst Jenny zusammen. Und Marie meint: "Dieser Junge hatte uns den Krieg erklärt."

Überlebende machen sich Vorwürfe, weil nicht sie, sondern Freude umgekommen sind. "Wer entscheidet denn, wer leben darf und wer nicht", fragt sich Jenny. "Eigentlich müsste das doch Gott entscheiden." Sie stand hinter der Chemielehrerin, als Tims Kugel die Tür durchschlug und die Frau tötete. Marie hatte mit Jana den Platz getauscht, die Freundin wurde so schwer verletzt, dass sie im Krankenhaus starb.

Schüler können nur schlafen, wenn die Tür offen steht
In den Tagen nach dem Massaker ist an Unterricht nicht zu denken. Niemand kann sich konzentrieren. "Wer erlebt hat, was wir erlebt haben, kann sich nicht plötzlich wieder für binomische Formeln interessieren." Viele erschrecken bei knallartigen Geräuschen. Bis heute können ehemalige ARS-Schüler nur schlafen, wenn das Licht an und die Tür offen ist. Die inzwischen pensionierte Lehrerin plagen noch immer Bauchschmerzen, Herzrasen und Schlafstörungen. "Die Erinnerung wirft sich auf mich wie ein gefräßiges Raubtier", beschreibt Jenny ihren Zustand.

Psychologische Betreuung war anfangs kaum vorstellbar, weil die Experten zu fremd waren. Hilfreicher waren Gespräche mit Freunden: "Dieses Drauflos-Reden-Können ist wichtig. Ohne nachzudenken. Ohne Schamgefühl." Auch die organisierte Trauer fiel manchem schwer. Der Aufmarsch von Polit-Promis verstörte eher, als er tröstete. Steffen blieb dem "großen Trauerzirkus" fern, er guckte lieber im Stuttgarter Stadion das Fußballspiel des VfB gegen die Hertha an: "Und das war gut so."

Marie lernte ein neues Wort: Waffenlobby. "Das sind Leute, die dafür sorgen wollen, dass sich trotz des Massakers in Winnenden nichts ändert." Später weiß sie auch, dass es in Deutschland jährlich 400 Amoklaufandrohungen gibt: "Bei 230 Schultagen sind das 1,7 Drohungen pro Tag." Ob Waffenliebhaber, Anwälte und Lobbyisten wohl ihre Meinung ändern würden, fragt sich die Lehrerin oft, "wenn ein Amokläufer in die Klassen ihrer Kinder stürmt?"

Jenny muss bei der Suche nach einer Lehrstelle trotz ihres guten Zeugnisses merkwürdige Erfahrungen machen. Als bekannt wird, dass sie "aus dieser weltberühmten Schule" kommt, wird sie beim Bewerbungsgespräch detailliert ausgefragt. Weil sie diesen Amoklauf überlebt hat, bleibt ihr zwei Jahre lang ein Ausbildungsplatz versagt. "Tut uns leid, dann können wir sie nicht nehmen", bekommt sie zu hören.