Viele Streitereien, wenig Unterschiede

UWE/ROM/DPA 06.02.2016
Über Bildung streiten Parteien viel und gern. Schaut man genau hin, sind die Unterschiede gar nicht so groß. Zündstoff steckt in der Frage G8 oder G9.

Den Druck aus der Grundschule nehmen, das Bildungssystem reformieren - das waren Versprechen, mit denen Grün-Rot im vergangenen Wahlkampf angetreten ist. Der Start verlief mehr als holprig, Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) trat 2013 zurück. Erst Pragmatiker Andreas Stoch (SPD) brachte mehr Ruhe und Struktur hinein. Die Koalition bekennt sich angesichts schwindender Schülerzahlen zum "Zwei-Säulen-Modell". Die Kinder sollen die Möglichkeit haben, so lange sie wollen, wohnortnah gemeinsam zu lernen. Das Gymnasium bleibt unangetastet. CDU und FDP wollen am dreigliedrigen System irgendwie festhalten, sofern die Schülerzahlen das zulassen. Ansonsten haben sich viele Positionen, die lange ideologisch umstritten waren, angenähert:

Gemeinschaftsschulen Diese Schulart können alle Kinder besuchen und dort den Haupt- oder den Realschulabschluss erreichen. Auch gymnasiales Niveau soll die Gemeinschaftsschule guten Schülern vermitteln - inklusive einer eigenen Oberstufe, wenn es genug Interessenten gibt. Ein Wechsel an ein berufliches oder allgemeinbildendes Gymnasium ist möglich. Die Kinder werden in jedem Fach auf unterschiedlichen Niveaustufen unterrichtet. Es gibt keine Noten, kein Sitzenbleiben, aber verbindliche und häufige Elterngespräche. Die Gemeinschaftsschule ist stets eine Ganztagsschule, Hausaufgaben gibt es nicht. CDU und FDP haben sich stets gegen die neue Schulart ausgesprochen, stören sich an der "Gleichmacherei" und sprechen davon, dass die Schulart bevorzugt werde. Eine klare Abschaffung fordert dennoch keine Partei: Die CDU will keine neuen Gemeinschaftsschulen mehr erlauben, bestehende sollen zu Noten und Sitzenbleiben zurückkehren können. Die FDP lässt sich die Türen offen. 299 Gemeinschaftsschulen gibt es bald, vor allem auf dem Land wurden so bedrohte Schulen erhalten. Dennoch erklärte die Opposition das "Experiment" für gescheitert.

Realschulen Auch diese Schulart wurde reformiert: Künftig gibt es in den Klassen 5 und 6 eine Orientierungsstufe. Sowohl Hauptschulabschluss als auch Mittlere Reife können an der Realschule gemacht werden. Diese Form von "länger gemeinsam lernen" befürwortet auch die CDU. Die Koalition hat die Realschule mit 500 Stunden zusätzlich ausgestattet, damit ab der 7. Klasse eine "innere Differenzierung" erfolgen kann. Das heißt, ein Teil einer Klasse lernt auf grundlegendem Niveau und strebt den Hauptschulabschluss an, die anderen auf mittlerem Niveau. In der 7. und 8. Klasse ist in Deutsch, Englisch und Mathe eine Trennung möglich. Die CDU will in diesen Fächern und in Naturwissenschaften die Klassen trennen. Die FDP will das Verbundschul-Modell ausweiten, also Werkreal- und Realschüler von Beginn an voneinander trennen, aber beide Schularten unter ein organisatorisches Dach stecken.

Gymnasien Grüne und SPD waren stets gegen das von CDU und FDP eingeführte achtjährige Gymnasium (G8), mussten aber notgedrungen das stark kritisierte "Turbo-Abi" stabilisieren. 44 Gymnasien im Land durften als Modellversuch zu G9 zurückkehren, mehr sollen es trotz großer Nachfrage der Eltern laut Grün-Rot nicht werden. Denn: Den Weg in neun Jahren zum Abitur gibt es über Gemeinschafts- oder Realschulen sowie berufliche Gymnasien bereits. Alles andere würde nur neue Verunsicherung bei den Eltern und eine Überforderung der Gymnasien hervorrufen, die zweigleisig planen müssten.

Die CDU hingegen will die Schleusen für das G9 weiter öffnen: Familien sollen laut Wahlprogramm nach der 6. Klasse selbst entscheiden, ob das Kind nach acht oder neun Jahren Abitur macht. Die FDP möchte den Schulen die Wahl überlassen, das teurere G9 soll aber nicht mehr Geld bekommen als das G8.