Telemedizin Viele Pilotprojekte starten im Südwesten

Am Bildschirm mit dem Arzt Blutdruck und Röntgenbilder besprechen? Das ist keine Zukunftsmusik mehr.
Am Bildschirm mit dem Arzt Blutdruck und Röntgenbilder besprechen? Das ist keine Zukunftsmusik mehr. © Foto: ©verbaska/Shutterstock.com
Ulm / Martin Hofmann 13.02.2018

Den letzten Arztbrief? In der Aufregung zu Hause vergessen, entschuldigt sich der 80-Jährige. Wegen akuter Herz-Rhythmus-Störungen hat er die Praxis des Herzspezialisten aufgesucht. „Welche Medikamente nehmen Sie?“ Auswendig kann der Patient die Namen nicht aufzählen. Leider hat er den Medikamentenplan auch nicht dabei.

Solche Gespräche gehören zum Alltag in Arztpraxen. Und mit Gedächtnislücken kämpfen nicht nur ältere Patienten. Was tun? Den Hausarzt umständlich um Unterlagen per Fax bitten? Im Gesundheitswesen stecken moderne Kommunikationswege noch in kleinen Kinderschuhen.

Der Aufbruch in die digitale Welt, um Informationen auszutauschen, Diagnosen zu erstellen, Therapien zu erörtern, Behandlungen zu veranlassen, nimmt dennoch Fahrt auf, vor allem im Südwesten. Die Landesärztekammer hat als erste in Deutschland die ärztliche Berufsordnung geändert. Bis dahin war die Fernbehandlung per Video über Handy, Tablet oder Laptop, ohne den Patienten persönlich behandelt zu haben, verboten. „Jetzt darf der Mediziner eine individuelle Diagnose stellen und die Therapie einleiten“, erklärte Ärztepräsident Ulrich Clever. Allerdings ist dies nur in Modellprojekten erlaubt und auf Mitglieder der Ärztekammer beschränkt. Sie muss die Pilotvorhaben vorher genehmigen.

„Skypen“ oder Chatten mit Ärzten wird vom Frühjahr an für alle gesetzlich Versicherten in den Regionen Stuttgart und Tuttlingen möglich. Wie soll dieses Projekt der kassenärztlichen Vereinigung  (KV) Baden-Württemberg ablaufen? Patienten können bei akuten Erkrankungen „DocDirekt“ anrufen. Dort klärt zunächst eine medizinische Fachangestellte (Arzthelferin), wie dringend eine Arztkonsultation ist. Handelt es sich um eine lebensbedrohliche Krankheit, verbindet sie den Anrufer mit der Rettungsleitstelle. Sonst kontaktiert sie einen geschulten Tele-Arzt. „Das sind Mediziner mit eigener Praxis“, betont die KV. Dieser ruft den Kranken an und klärt mit ihm Gesundheitszustand und Beschwerden. Er kann ihn auch abschließend beraten. Bei Bedarf leitet er Patienten an eine auf ihr Kommen eingerichtete Arztpraxis in der Nähe weiter.

Zunächst sollen sich Allgemein- und Kinderärzte, Gynäkologen  und Orthopäden an dem zweijährigen Modellversuch beteiligen. Rund 100 haben Interesse. Die KV will prüfen, ob die Qualität der Fernbehandlung stimmt, Wartezeiten und Wegstrecken für Patienten und Ärzte  abnehmen und Notaufnahmen der Kliniken entlastet werden.

Die Uniklinik Tübingen startet im Juni mit der AOK und 62 Haus­ärzten „Telederm“ in den Landkreisen Calw, Rottweil, Zollern-Alb und Böblingen. In den Praxen werden mit einem Dermatoskop Hautveränderungen aufgenommen und an Hautärzte übermittelt. Sie analysieren in einem Telekonzil die Bilder und teilen die Diagnose dem Kollegen mit, klären mit ihm weitere Untersuchungen und  Therapien. Ziel: die Versorgung von Hauterkrankungen auf dem Land zu verbessern.

Das Sozialministerium des Landes fördert mit 4,3 Millionen Euro 14 solcher Modellprojekte. „DocDirekt“ gehört genauso dazu wie die Entwicklung einer Smartphone-App durch die Uni Heidelberg für mehrfach oder chronisch Kranke. Sie soll ihnen helfen, den Umgang mit den Krankheiten selbst zu managen. Praxen unterstützen sie dabei.

Auf raschen Datenaustausch unter Behandlern setzen Kooperationsprojekte von Krankenkassen und der Ärzteorganisation Medi im Raum Heilbronn oder die Ärztegenossenschaft Gesundheitsnetz Süd im Landkreis Sigmaringen. Die Uniklinik Ulm hat ein Portal für Krebspatienten eingerichtet, damit Haus- und Fachärzte schnell an Informationen des Krebszentrums gelangen. Ziel: optimale Nachsorge. „Es geht dabei auch um die Qualität der Daten“, sagt Peter Kuhn, Leiter des Krebsregisters der Klinik. Sie müssten strukturiert sein. Beispiel: Es macht einen Unterschied, ob der Blutdruck im Liegen oder Stehen gemessen wird.

Ein Megaprojekt existiert schon lange: Die elektronische Gesundheitskarte samt Notfalldaten und Patientenakte. Sie lässt seit zwölf Jahren auf sich warten und stößt nach wie vor auf Widerstände. Alle Daten sollen zentral an einem Ort gespeichert werden. Neuer Starttermin: 1. Januar 2019. Doch niemand weiß, ob er einzuhalten ist. Kosten bisher: 1,8 Milliarden Euro.

Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Beim Landesbeauftragten für Datenschutz weisen die Experten darauf hin, dass im Fall des Austausches der sensiblen persönlichen Gesundheitsdaten eindeutig geklärt werden muss, wer unter den Projektträgern für deren datenschutzrechtliche Sicherheit verantwortlich ist. In den Erklärungen der teilnehmenden Patienten müsse dies für Laien verständlich und nachvollziehbar dargelegt werden.

Im jüngsten Jahresbericht teilen die Datenschützer mit, dass kein Projekt, das sie geprüft haben, „ohne Befund“ war. Hauptproblem: die „unklare Verantwortung“ für Datenschutz. fm