Stuttgart Versuchte Entführung: Motiv unklar

DPA 14.01.2016
Ja, er hat versucht, eine gefesselte Schülerin zu verschleppen, räumt der Angeklagte ein. Was er aber mit der 15-Jährigen vorhatte, sagt er nicht.

Ein 27-Jähriger hat für die versuchte Entführung einer 15-Jährigen aus einem Gymnasium in Nürtingen vor Gericht um Entschuldigung gebeten - er schweigt jedoch beharrlich zu seinem Motiv. Womöglich kenne sein Mandant das Motiv selbst nicht, sagte der Anwalt am Mittwoch zum Auftakt des Prozesses am Stuttgarter Landgericht. Wollte er ein Lösegeld erpressen? Wollte er das Mädchen quälen? Missbrauchen? Töten?

Die Vorsitzende Richterin legte dem Mann "dringend ans Herz", sein Schweigen zu brechen. "Wenn man nicht weiß, was mit Ihnen los ist, kann man Ihnen auch nicht helfen." Die Anklage lautet unter anderem auf Menschenraub und gefährliche Körperverletzung. Für den Prozess sind acht Termine vorgesehen, 43 Zeugen sind geladen.

Laut Anklage schließt sich der 27-Jährige am 5. Mai 2015 gegen 12.15 Uhr in der Damentoilette eines Gymnasiums in Nürtingen ein. Er greift eine damals 15 Jahre alte Schülerin - ein Zufallsopfer - an, fesselt sie am ganzen Körper mit Klebeband. Sie droht zu ersticken, schafft sich aber ein kleines Luftloch.

Der 27-Jährige packt sein Opfer in die schwarze Reisetasche und versucht, das 1,60 Meter große und knapp 50 Kilo schwere Mädchen - halb in der Tasche steckend - fortzuschleppen. Nahe dem Haupteingang der Schule setzt der Mann sein Opfer ab. "Da hat er wohl gemerkt, dass es eine dumme Idee war", sagte das Mädchen. Schließlich bringt der Angeklagte die Schülerin zurück in die Toilette, lässt sie gefesselt liegen und stellt sich noch am Abend der Polizei.

Das Motiv ist auch dem Opfer schleierhaft. Der Täter habe nicht gesagt, was er vor hatte, sagte die 16-Jährige. Das Erlebte lasse sie bis heute nicht los. Sie mache nichts allein und schlafe seit einiger Zeit wieder bei ihren Eltern.

Alkoholprobleme ziehen sich wie ein roter Faden durch den Lebenslauf des Angeklagten, der in Stuttgart aufgewachsen ist. Schon mit 14 Jahren habe er mit dem Trinken begonnen, berichtete er gestern. Seine Eltern trennten sich, nach dem Abitur wollte er zur Bundeswehr und Pilot werden. Später unternahm er einen Selbstmordversuch, war deshalb auch in der Psychiatrie. Mehrere Versuche zu studieren scheiterten "irgendwie an Prüfungen", wie er sagte - vor allem aber wohl am Alkohol.