"Das gibt eine Katastrophe", fürchtet Björn Kirsten (33). Wenn Anfang nächsten Jahres 200 Flüchtlinge in das psychiatrische Pflegeheim "Die Brücke" einziehen, rechnet er mit dem Schlimmsten. Deshalb hat der Vermögensberater mit Nachbarn ein "Bürgerkomitee" gegründet. Allerdings - viele Nachbarn gibt es gar nicht. Das Pflegeheim befindet sich in Oberneustetten, einem Ortsteil der Stadt Murrhardt (Rems-Murr-Kreis) mit acht Einwohnern. Einen Steinwurf weiter liegt Unterneustetten, wo Kirsten und etwa 40 Menschen wohnen. Ein paar abgelegene Höfe können gleichfalls nicht zu höherer Bevölkerungsdichte beitragen. Von insgesamt etwa 80 Bewohnern hat Kirsten 57 Unterschriften für einen Protestbrief mit 66 Fragen und Forderungen an Bürgermeister und Landrat gesammelt.

Bis vor kurzem seien 70 Kranke in dem Heim betreut worden, sagt Betreiber Andreas Osbelt, "jetzt sind etwa noch zehn dort, das Haus ist fast leer". Mit Blick auf die Herbergsnot des Landkreises und seine wirtschaftliche Situation spricht er offen von einer "Win-win-Situation". Zwar habe er erst vor wenigen Jahren drei Millionen Euro in eine Modernisierung gesteckt, doch spätestens 2019 hätte er schließen müssen, weil dann Einzelzimmer vorgeschrieben seien. Ein Umbau hätte sich nicht mehr rentiert: "Ich hätte 1,5 Millionen Euro ausgeben müssen, um 25 Betten abzubauen." Mit der Miete - der Vertrag läuft über mehr als fünf Jahre - könne er seine Schulden bezahlen.

Oberneustetten ist ein Nest, wie es in Wanderprospekten für Naturliebhaber empfohlen wird. Das Pflegeheim sei "umgeben von einer reizvollen Landschaft mitten im Erholungsgebiet des Schwäbischen Waldes", warb auch Osbelt. Vor seinem Gebäude plätschert das Mordklingenbächle. Wiese und Wald, aber kein Spielplatz, keine Begegnungsstätte, kein Kindergarten. In Ober- und Unterneustetten gibt es nichts, was im Alltag gebraucht wird. Kein Laden, nicht einmal einen Zigarettenautomaten, keinen Briefkasten, nur Schnäpse und Liköre kann man bei einem Brenner kaufen. Auf den Gehweg für einen gefahrlosen Fußmarsch muss verzichtet werden. Busse fahren selten, sonntags gar nicht. Immerhin sorgen drei Straßenlampen für etwas Licht.

Bis Murrhardt sind es gut sechs Kilometer, der dortige Polizeiposten ist nur werktags bis 16.30 Uhr besetzt. Danach müssen die Streifenwagen aus dem 24 Kilometer entfernten Backnang herbeieilen. Dass es für die Polizei viel zu tun geben wird, steht für Björn Kirsten außer Frage. Er und seine Mitstreiter rechnen mit Aktionen, wenigstens mit Aufmärschen von Rechtsradikalen, aber auch mit Störungen durch die neuen Nachbarn. "Das Ausmaß greift massiv in unsere Lebensqualität ein", glaubt der Vermögensberater, der erst 2012 ein neues Haus in Sicht- und Hörweite gebaut hat.

Kirstens "Komitee" lehnt Flüchtlinge nicht generell ab, pocht aber darauf, dass nicht mehr Menschen untergebracht werden als zuvor im Pflegeheim: "Damit könnten wir leben." Das Landratsamt hält jedoch an einer "dichteren Belegung" mit Stockbetten fest. Ob tatsächlich, wie angekündigt, Familien nach Oberneustetten gebracht werden, könne nicht garantiert werden, sagt Pressesprecherin Martina Nicklaus: "Wir erfahren auch erst wenige Tage vorher, wer zu uns kommt."

Murrhardts Bürgermeister Armin Mößner (CDU) hält das Heim zwar für "wenig ideal". Er hat gleichwohl einen Vorteil entdeckt, denn dank der Gemeinschaftsunterkunft in Oberneustetten könne wohl die drohende Zweckentfremdung von Hallen verhindert werden. Aber angesichts des Zustroms - nach Kreisangaben werden wöchentlich 214 Personen zugewiesen - könne nicht mehr ausgewählt werden. Denn: "Dem Kreis brennt der Kittel."

Gute Erfahrung mit Unterbringung auf dem Land

Schutz statt Schule Das Landratsamt des Rems-Murr-Kreises kann, wie anderswo auch, nicht mehr wählerisch sein bei der Suche nach Unterkünften für Flüchtlinge. Deshalb wohnen Schutzsuchende seit Ende August im Schullandheim Mönchhof bei Kaisersbach. Anfangs fanden dort 80 Personen eine provisorische Bleibe, aktuell sind es 69, allesamt Mitglieder von Familien. Die rund 60 Anwohner des ruhigen Weilers Mönchhof fühlen sich offenbar nicht gestört, Beschwerden sind jedenfalls nicht vorgetragen worden.

Umgeplant Für Schulklassen, die einen Aufenthalt in Mönchhof geplant hatten, suchte das Landratsamt Alternativen in Jugendherbergen und Tagungshäusern, Mehrkosten bezahlte der Kreis. Wie lange Schulen vertröstet werden müssen, ist nicht abzusehen.