Das Reformationsjubiläum ist für die Ulmer ein guter Anlass, sich an die Zeiten zu erinnern, als sie Fremden, die Schutz suchten, die Tore öffneten. Im Stadtarchiv sind zum Beispiel fast 3000 „Salzburger Exulanten“ verzeichnet, Protestanten, die im Zug der Gegenreformation ab Ende 1731 aus Österreich fort gejagt wurden.

Allein bis 2. Mai 1732 stellte die Reichsstadt Ulm 5209 Laib Brot und 12.309 Gulden für sie bereit. Ziel der Glaubensflüchtlinge war das evangelische Württemberg. Protestanten, die in Österreich blieben, mussten sich nach außen zum Katholizismus bekennen. Innerlich blieben sie ihrem Glauben treu.

Das Buch, worauf sich die Glaubenspraxis der Evangelischen stützte, war in Österreich verboten. Wer mit Luthers Bibel erwischt wurde, musste mit Haft oder Ausweisung rechnen. Viehhändler, Kauf- und Fuhrleute schmuggelten die „heiße Ware“ Bibel sowie Gesang- und Gebetbücher über schmale Pfade in entlegenste Habsburger-Gebiete.

Kurort für die Seele

Den alten Bibelschmuggelweg, der bis Ende des 18. Jahrhunderts bestand, lässt der „Weg des Buches“ wieder lebendig werden. Der Pilgerweg wurde 2008 auf Initiative der evangelischen Kirche in Österreich in Ramsau am Dachstein eröffnet. Er führt 500 Kilometer weit von Passau bis an die slowenische Grenze nach Agoritsch quer durch Österreich. 29 Tagesetappen sind es, fünf Rad- und 24 Wanderrouten, Stationen sind das Dachsteingebiet, das Salzkammergut, die Niederen Tauern und die Kärntner Nockberge

Für Robert Graimann ist es „ein besonderer Weg zu Gott“, bei dem „die Menschen nicht nur Natur erleben, sondern auch mit der Seele wandern“. Der 59-Jährige hat zum Thema ein Buch verfasst, „Wandern fürs Gmiat“, über Touren mit spirituellem Charakter.

Von den geheimen Versammlungsorten in der Natur wie Seekarkirche oder Kalmooshöhle gehe „bis heute eine geheimnisvolle Kraft aus“, schreibt Graimann über den „Weg des Buches“ in Kärnten. „Selbst kirchenferne Menschen werden das spüren und die Einkehr in einer auf dem Weg liegenden Kirche vielleicht als eine Art ‚Kurort für die Seele‘ erleben können.“ Damit trifft der begeisterte Wanderer einen Nerv. „Das zieht immer größere Kreise.“ Als „Beauftragter für den Weg des Buches“ hat der Diakon die Tourenetappen ausgearbeitet. „Wir bieten ein Programm, das der Seele guttut“, sagt er. Dazu gehören Gottesdienste in als Geheimkirchen genutzten Felshöhlen und Andachten am Gipfelkreuz, aber auch Informationen zu Geschichte, Land und Leuten.

In Urach gedruckt

Mit dem Reformationsjubiläum ist das Interesse richtig erwacht. Und der Weg wird verlängert, nach Süden bis Triest. Über Zwickau werden von Passau aus zudem die Lutherstädte im Osten Deutschlands angebunden. Dort endet auch der Primus-Truber-Weg zu den Wirkungsstätten des slowenischen Reformators.

Truber, 1508 geboren, musste wegen seines evangelischen Glaubens seine damals zum Habsburger Reich gehörende Heimat verlassen. In Tübingen, Urach und Derendingen fand er Zuflucht und arbeitete als Pfarrer, Bibelübersetzer und Buchdrucker. Mit seiner Bibelübersetzung trug er dazu bei, das Slowenische als Schrift- und Kultursprache zu formen. Auch seine slowenischen Schriften wurden zu den Landsleuten geschmuggelt. Gedruckt wurden sie in Urach. Den Ort hatte sich der österreichische Freiherr Hans Ungnad von Sonnegg zum Exil gewählt. Er war Gründer und Mäzen der südslawischen Druckanstalt. Die Uracher Bibelanstalt druckte von 1561 bis 1565 mehr als 30.000 Exemplare von kroatischen, slowenischen und italienischen Schriften. Alle gelangten auf geheimen Wegen zu ihren Lesern.

Eine Station auf dem Weg waren die Nockberge. Jakob Forstnig, Hotelier in Bad Kleinkirchheim in Kärnten, nimmt seine Gäste dort gern zum Wandern mit. Bei der Tour auf die Falkertspitze stoßen die Wanderer auch auf den „Weg der Buches“. Dabei erleben die Teilnehmer, was für Forstnig zum gelungenen Urlaub gehört: neben Erholung in der Natur spirituelle Erfahrung.

Europaweit auf Luthers Spuren


Das Projekt „European Cultural Route of Reformation“ will bis 2019 die Wege zu Martin Luther, Primus Truber und den Bibelschmugglern verbinden und so ein grenzüberschreitendes Streckennetz zum Thema Reformation schaffen. Beteiligt sind Österreich, Deutschland, Ungarn, Polen, Italien, Slowenien und die Tschechische Republik. In einer Zeit, in der der europäische Geist auf dem Rückzug ist, entsteht so ein spirituelles Netz, das Bad Urach mit Bad Kleinkirchheim in Kärnten und Triest in Italien verknüpft.