ALFRED WIEDEMANN  Uhr

Es fiept und pfeift und kracht aus den Lautsprechern im Heidenheimer Naturtheater. Erst sind die Sätze zu laut, dann die Lieder zu leise. Riesen-Probleme? Ach was. Regisseur Klaus Gröner ist ganz zufrieden. Es ist die allererste Probe mit Mikrophonen, da müssen die Techniker noch allerhand regeln und einpendeln, bis die mehr als 1000 überdachten Sitzplätze auf dem Heidenheimer Schlossberg perfekt beschallt sind.

Das bisschen Pfeifen aus den Boxen macht nichts. Schließlich ist Probe, bis zur Premiere war da noch Zeit. "Kohlhiesels Töchter" ist das Stück diesen Sommer im Heidenheimer Freilichttheater, zum ersten Mal. Gerade wird das Stück ganz durchgespielt. Regisseur Gröner macht sich Notizen, schaut sich die Szene von der einen Ecke an, von der anderen. Leben will er haben auf der Bühne, er will, dass das Spiel ruhig an einen Comic erinnern darf, dass es ja nicht angejahrt daherkommt.

Stefanie Zembsch in der Rolle der Wirtstochter-Zicke Susi Kohlhiesel legt los, feuert auf den nichtsnutzigen Knecht eine Batterie Kraftausdrücke ab. Gleich danach bezirzt Anne Spohie Pfisterer, die Liesl Kohlhiesel, die andere, schöne Wirtstochter, in lieblichen Worten einen ihrer Verehrer. Das passt schon ganz gut. Gröner ist zufrieden. Die Übergänge klappen, was noch nicht ganz sitzt, wird anschließend gemeinsam mit dem Ensemble geklärt.

Der Regisseur weiß, worauf es ankommt auf der Naturbühne. Vor einem Jahr inszenierte er in Heidenheim "Im weißen Rössl", vor zwei Jahren "Ich denke oft an Piroschka", auch so ein Hit als Film mit Lilo Pulver - wie Kohlhiesels Töchter. Im Vorverkauf sind die Tickets so gut weggegangen wie nie zuvor, sagt Marita Kasischke vom Naturtheater. Gestern war die Premiere, bis 17. August sind 20 Aufführungen.

Nur noch das Wetter muss besser werden als fast die ganze Probezeit über. Seit März wird schon geübt, zuerst in der Halle, später dann draußen, seit Mitte Mai allabendlich. Da konnte es ganz schön frisch werden. "Beim Einleuchten bis frühmorgens hatten wir an Pfingsten nur drei Grad Plus", sagt Regisseur Gröner.

Aber das Stück wärmt - Schauspieler wie Besucher. Die Geschichte von den zwei Töchtern, von denen die kratzbürstige zuerst unter die Haube muss, vom Hamburger Autor Hanns Kräly auf die deutschen Bühnen gebracht, hat William Shakespeare zum Ahnherrn, "Der Widerspenstigen Zähmung". Statt Bianca und Katharina eben Liesl und Susi. Von Jörg Doppelreiter bearbeitet, kommen in Heidenheim noch ein paar besondere Ideen hinzu: Nicht nur, dass die 1960er Jahre wieder aufleben und Bunnys mitmischen. Auch die Musik ist selbstgemacht.

Natürlich sind die bekannten Lieder "Jedes Töpfchen find sein Deckelchen" und "Die Susi, nimm du sie" im Naturtheater zu hören, aber auch noch elf neue. Die Songtexte sind von Klaus Gröner und Regieassistent Max Zumstein, die Töne von Komponist Sascha Sokolov und Christian Vaida, dem musikalischen Leiter. Zumstein, 22, gerade in der Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, ist dazu noch der "Peter" im Stück, er kümmerte sich auch um die Choreografie - zusammen mit Stefanie Zembsch, der "Susi" auf der Bühne. Und wie finden sich unter den Naturtheater-Schauspielern die geeigneten für die Songs und den Tanz? "Das war so eine Art Casting", sagt Gröner. "Es ist klar, nicht alle können oder wollen auf der Bühne singen und tanzen. Aber wir haben die richtigen gefunden."

Stefanie Zembsch zum Beispiel, 26, Studentin, sie gibt die Susi mit herrlich losem Mundwerk - auf Schwäbisch. "Für Lieder und Tanzschritte braucht es ganz schön Fitness", sagt Zembsch, "das hab ich schnell gemerkt." Ihre Bühnenschwester Anne Spohie Pfisterer, 25, ebenfalls Studentin, kann das bestätigen: "Das Singen verlangt einem schon viel ab. So vierstimmig vor dem Publikum, und dann trifft man den Ton vielleicht mal nicht."

Am Ende sinds aber doch die richtigen Töne. Und nicht nur die schöne Liesel, auch die gar nicht mehr so sauertöpfische Susi findet ihr Deckelchen - den Toni, gespielt von Markus Kübler, 36, im Hauptberuf Landschaftsgärtner. "Ein bisschen kitschig, oder?", fragt Anne Sophie Pfisterer nach 99 Minuten, nach dem Finale. Ein Schuss Kitsch? Aber ja, muss sein!

87 Amateurschauspieler haben eine Rolle auf der Bühne, ältere, jüngere, manche Rolle ist doppelt besetzt. Im Heidenheimer Kinderstück, Robin Hood, das am 9. Juni Premiere hatte, stehen sogar 182 Namen auf der Besetzungsliste. Dazu Techniker für Licht und Ton und Aufbau, all die Helfer neben der Bühne - 250 Leute insgesamt, sagt Kaschiske, sie kommen aus Heidenheim und dem Landkreis. 450 Mitglieder sind im Naturtheater-Verein, der Kulturarbeit mit Tradition betreibt: Seit 1919 gibt es ihn schon.

Heidenheim ist nur zweitgrößtes Naturtheater im Südwesten nach Ötigheim. Für die Heidenheimer und die Zuschauer von weiter weg ist es aber das größte. Und auch wenn gerade die erste Hitzewelle ansteht: Auf der Ostalb kann eine Sommernacht schnell mal frisch werden. Erfahrene Besucher kommen mit Decke. Das wärmt - zusätzlich zum Gucken.