Flüchtlinge Kunst in der LEA: UN-Charta hinterm Stahltor

Ellwangen / Nadine Vogt 05.07.2018
Negativ-Schlagzeilen im Mai, nun eine Ausstellung über Menschenrechte: Die LEA Ellwangen bringt Kunst in eine Notunterkunft.

„Ausweis bitte“, sagt der Mann an der Pforte, hinter Glas. Im Gegenzug schiebt er die Besucherkarte durch einen Schacht. Dann erst geht es hinter die hohen Zäune, am Stahltor vorbei, auf das Gelände der Landeserstaufnahmestelle Ellwangen. „Zur Ausstellung begleitet sie gleich jemand“, sagt er. Besucher machen in der LEA keinen Schritt ohne einen Security-Mann. Auch nicht, wenn sie nur kommen, um sich mit zeitgenössischer Kunst zu beschäftigen.

Vor rund acht Wochen war Ellwangen, die 25.000-Einwohner-Stadt im weltweiten Fokus. Eine Abschiebung war gescheitert, die Polizei rückte mit Großaufgebot an. Das Echo folgte, medial und politisch, in voller Bandbreite. Ellwangen und seine Flüchtlingseinrichtung auf dem ehemaligen Kasernengelände wurden Sinnbild der Probleme deutscher Asylpolitik und Flüchtlingshilfe.

Seit vergangener Woche bietet nun eine ehemalige Notunterkunft Raum für Kunst, die sich den Menschenrechten und der UN-Charta stellt. Die Ausstellung „Friedensfeier“ hat Platz gefunden  – mitten im von Abschiebungen und Negativ-Berichten geprägten LEA-Alltag. Es ist ein Versuch, positive Schlagzeilen zu machen. Jetzt erst recht. LEA-Leiter Berthold Weiß ist überzeugt, dass seine Einrichtung ein besseres Image verdient hat.

Während der Security-Mann auf der breiten Zufahrtsstraße läuft, meldet sich sein Funkgerät. „Streife vier, bitte kommen.“ Ein Klick und das Gerät ist stumm. „Das Gelände ist ziemlich groß“, sagt er. Weitläufig. Wo früher Panzer rollten, fahren heute kaum noch Autos. Er steuert nach rechts. „Da sind wir.“

Halle 101. Groß und lichtdurchflutet. 15 Stelen bilden eine Art offenen Raum, auf dem Holzboden liegen weiße Planen. „Bei dieser Ausstellung sehen wir die 30 Artikel der UN-Charta auf dem Boden liegen“, sagt Berthold Weiß. „Das soll zeigen, wie brutal schwierig es ist, die Menschenrechte nicht mit den Füßen zu treten. Und gleichzeitig sind sie das Fundament, auf dem wir alle stehen.“

Die Idee zur Ausstellung hatte der Heidenheimer Künstler Horst Solf vor zwei Jahren. „Ich habe die Situation hier in Ellwangen beobachtet“, sagt Solf. „Hier ist der Ort des Geschehens. Dadurch kam auch der Wunsch auf, diese Ausstellung zu machen.“ Der 78-Jährige ist selbst Teil einer Kriegsgeneration. Deshalb war ihm eines besonders wichtig: mit jungen Menschen in den Dialog zu treten. Schüler des Ellwanger Peutinger Gymnasiums haben ein Bild mitgestaltet und ihre Gedanken zu den Menschenrechten einfließen lassen.

Jede Nacht droht Abschiebung

Heute sind Solfs meterhohe Kunstwerke ausgestellt an einem Ort, der mal der Kriegsvorbereitung diente. Welcher als Flüchtlingslager zu Höchstzeiten 5000 Menschen beherbergte. Und nun ein Raum des Friedens sein soll. Dieser Chronologie folgen auch seine Kunstwerke: von rotem Kreuz auf schwarzem Untergrund und NATO-Stacheldraht bis hin zu weißen, flatternden Vögeln.

„Das gemeinsame Werk mit den Schülern hat mich am meisten beeindruckt“, sagt Berthold Weiß, als er auf dem langen Weg zurück in sein Büro ist. Wer mit dem 55-Jährigen unterwegs ist, braucht keinen Security-Mann. Die Bewohner der LEA schauen aus den Fenstern, sitzen in der Sonne, grüßen. „Hallo Chef“, heißt es da. Oder „Wie geht’s?“ Offen und freundlich. Im Moment leben dort 580 Menschen, die laut Dublin-Abkommen in Deutschland keinen Asylantrag stellen dürfen. Sie müssen jede Nacht damit rechnen, abgeschoben zu werden. „Das Bild hat eine absolut optimistische Grundaussage, auch wenn die Narben des Krieges sichtbar sind“, sagt Weiß, und verabschiedet sich am Kontrollzaun. „Die Hoffnung muss bleiben.“ Und wieder wird getauscht: Besucher- gegen Personalausweis.

LEA-Leiter Weiß: „Die Vertrauensbasis hat gelitten.“

Herr Weiß, wie hat sich das Leben  und die Arbeit in der LEA seit dem Vorfall im Mai verändert?
Berthold Weiß: Die Vertrauensbasis hat gelitten, allerdings haben Provokationen gegenüber unserem Personal wieder deutlich abgenommen. Aber ja, das war schon eine Zäsur.

Und wie war es in der Stadt?
Nach anfänglichen Unruhen in der Bevölkerung ist schnell klar gewesen, dass die Sicherheit in Ellwangen nie gefährdet war.
Wie laufen Abschiebungen nun ab?

Wie überall. Die Polizei kommt nachts und versucht die Leute aufzufinden. Viele Versuche scheitern, weil sich die  Flüchtlinge verstecken. Das ist in der LEA aber keine Besonderheit, das passiert auch in anderen Einrichtungen. Italien, zum Beispiel, ist für sie keine Alternative.

Stichwort „Transitzentren“. 

Seit drei Jahren bin ich Leiter der LEA und habe gesehen, wie groß die Ehrenamtsbereitschaft in der Stadt ist. Und dazu gehört eine große Akzeptanz durch die Bevölkerung. Ohne diese Akzeptanz, da bin ich mir ganz sicher, lässt sich eine große Einrichtung nicht auf Dauer führen. Das müssten die Architekten eines Transit-
zentrums beachten. dine

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