Albstadt / OLGA SCHWAB, DAGMAR STUHRMANN  Uhr
Kuriosum in Albstadt: Ein Kandidat, der gar nicht auf dem Wahlzettel stand, hat nach einem "Blitzwahlkampf" beinahe die OB-Wahl gegen den Amtsinhaber gewonnen. Nun muss eine Stichwahl entscheiden.

Klaus Konzelmann konnte sich am Sonntagabend vor Gratulanten kaum retten. Sein Handy klingelte ununterbrochen, "bis der Akku glühte", sagt der 52-Jährige am Tag nach seinem erstaunlichen Wahlergebnis, das die Kommunalpolitik in Albstadt durcheinander wirbeln könnte. Auf Anhieb und ohne reguläre Kandidatur hatte der Kriminalhauptkommissar 43,4 Prozent der Stimmen geholt - und das, obwohl sein Name gar nicht auf dem Wahlzettel stand. "Das Ergebnis hat gezeigt, dass es Zeit für einen Wechsel ist", sagte Konzelmann am Wahlabend.

Für den langjährigen Amtsinhaber Jürgen Gneveckow (CDU) sind das keine guten Nachrichten. Der 62-Jährige, seit 1999 Oberbürgermeister der 45.000-Einwohner-Stadt im Zollernalbkreis, hatte am Sonntag mit 44,7 Prozent zwar noch einen hauchdünnen Vorsprung. Doch auch Gegenkandidat Reiner Stegmüller (10,3 Prozent) war angetreten, um einen Wechsel herbeizuführen - ohne selbst wirklich OB werden zu wollen, wie er versicherte. Zudem sind am Sonntag auffällig viele Stimmen für ungültig erklärt wurden - nämlich 740. Konzelmann geht davon aus, dass viele dieser Wähler eigentlich für ihn stimmen wollten, das aber nicht eindeutig genug auf dem Zettel vermerkten. Denn wer Konzelmann als OB haben wollte, musste dessen Namen und ein ihn eindeutig auszeichnendes Merkmal (Adresse, Beruf) eigenhändig auf den Stimmzettel schreiben. "Ich bin fasziniert, dass so viele diesen Aufwand auf sich genommen haben", sagte Konzelmann. Das Kommunalwahlrecht in Baden-Württemberg lässt es zu, auch Personen zu wählen, die nicht als Vorschlag auf dem Stimmzettel stehen.

Eine endgültige Entscheidung muss nun im zweiten Wahlgang am 22. März fallen. Dann reicht eine einfache Mehrheit für den Sieg - und Konzelmann, der für die Freien Wähler im Gemeinderat sitzt, wird sich nun auch offiziell bewerben. "Ich gebe heute Mittag meine Bewerbung ab und hole die erforderlichen Unterlagen ab", sagte er gestern. Die Zeit drängt: Die Bewerbungsfrist für die zweite Runde endet bereits morgen. Die erforderlichen 50 Unterstützerunterschriften beizubringen, dürfte nicht schwierig werden.

Amtsinhaber Jürgen Gneveckow (62) will indes nicht aufgeben. Seine Enttäuschung halte sich in Grenzen. "Wir werden den Kampf aufnehmen", sagte er gestern. Die Möglichkeit, seine Kandidatur zurückzuziehen, komme für ihn nicht in Betracht, hatte er schon am Sonntag versichert: "Wir haben ein Kämpferherz." Er hofft darauf, dass ihm eine höhere Wahlbeteiligung - sie lag nur bei 32 Prozent - im zweiten Wahlgang hilft. "Wenn der Ernst der Lage erkannt wird, kommen mehr Leute zur Wahl." Der 62-jährige Gneveckow möchte die dritte Amtsperiode antreten, die er aber keine volle acht Jahre beschreiten kann. Ein OB darf per Gesetz sein Amt bis zur Vollendung des 68. Lebensjahres bekleiden. "Meine Wegstrecke würde demnach bis August 2020 reichen."

Konzelmann hatte die am 9. Februar ausgelaufene Bewerbungsfrist für die Wahl nicht genutzt. Den Fraktionen von Freien Wählern und SPD war es aber nicht gelungen, einen externen Gegenkandidaten aufzustellen. Daraufhin sei er von Freunden gedrängt worden, anzutreten. Die endgültige Entscheidung sei am Stammtisch gefallen. Von Rosenmontag an warb Konzelmann dann in der Lokalpresse, auf Wochenmärkten, mit Flyern im Internet für sich - mit verblüffendem Erfolg.

Hauptsache eindeutig

Wahlgesetz Es muss nicht immer einer der Kandidaten sein: Das baden-württembergische Wahlgesetz erlaubt es, dass auch Bürger gewählt werden können, die nicht als Bewerber angetreten sind. Wichtig ist dabei aber, dass Stimmen eindeutig zuzuordnen sind. Das regelt Paragraf 19 des Kommunalwahlgesetzes. Dort heißt es: "Bei Mehrheitswahl gibt der Wähler seine Stimmen in der Weise ab, dass er Bewerber, denen er eine Stimme geben will, 1. auf einem Stimmzettel mit vorgedruckten Namen durch ein Kreuz hinter dem vorgedruckten Namen, durch Eintragung des Namens oder auf sonst eindeutige Weise, 2. auf einem Stimmzettel ohne vorgedruckte Namen durch Eintragung des Namens als gewählt kennzeichnet." Dass Kandidaten auf diese Weise - manchmal auch unfreiwillig - beachtliche Ergebnisse erzielen, kommt hin und wieder vor. lsw/eb

SWP