Die beiden Anklagen gegen den 21-jährigen Erzieher in Ausbildung, der seit Dienstag auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts sitzt, sind schwer: Sexueller Missbrauch in mindestens fünf teils schweren Fällen an Kleinkindern im Alter von ein bis drei Jahren, sowie Besitz von kinderpornografischen Dateien. Die Taten soll der 21-jährige Angeklagte bis März dieses Jahres in einer der beiden Kindertagesstätten Piccolo Paradiso in Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg) verübt haben.

Doch der Auftakt des auf zunächst fünf Tage terminierten Verfahrens vor der großen Jugendschutzkammer am Stuttgarter Landgericht begann am Dienstag mit einer Überraschung: Gemäß den Anträgen der Verteidigung und der Angehörigen der missbrauchten Kleinkinder beschlossen die Richter der Kammer, den Prozess nichtöffentlich zu führen. Lediglich das Urteil könne öffentlich verkündet werden, sagte die Gerichtsvorsitzende. Alle Zuhörer, einschließlich sämtlicher Pressevertreter und die Fernsehkameras mussten daraufhin den Gerichtssaal verlassen.

Zuvor war der 21-Jährige in Handschellen zur Anklagebank geführt worden. Er hielt eine rote Mappe vor seinen Kopf. Der etwa 1.80 Meter große und schlacksige junge Mann lächelte, als er den Beschluss bezüglich Öffentlichkeits-Ausschluss hörte.

Aufmerksame Mutter

Laut den vorliegenden Anklageschriften soll der 21-Jährige bis zum März dieses Jahres in der Schwieberdinger Tagesstätte mit den Verbrechen an den Kleinkindern begonnen haben. Herausgekommen sind die Taten nur deshalb, weil die Mutter einer dreijährigen Tochter bestimmte Schilderungen des Kindes entsprechend interpretiert hatte.

Danach durchsuchte die Ludwigsburger Kriminalpolizei die Wohnung des 21-Jährigen. Dabei wurden zahlreiche Daten­träger sichergestellt, auf denen selbstgefertigte Fotos der miss­brauchten Kinder gespeichert ­waren. Am 6. April wurde er dann festgenommen. Zuvor war er von der Tageseinrichtung, die von der Firma Bosch betrieben wird, ­freigestellt und entlassen worden.

In der ersten Anklageschrift soll es sich nach bisherigen Erkenntnissen um die Vergehen an den Kleinkindern handeln, die die Ermittlungsbehörde bis Ende März dieses Jahres offenbar aufgrund Beweismaterials nachvollziehen konnte. Allerdings sollen Anfang dieses Monats neue und zusätzliche Vorwürfe gegen den 21-Jährigen aufgetaucht sein, die die Stuttgarter Staatsanwaltschaft in der zweiten Anklage zusammengefasst und dem Gericht vorgelegt hat. Dabei soll es um noch mehr sexuelle Übergriffe gehen. Auch diese Taten soll der 21-Jährige zum Teil gefilmt und fotografiert haben.

Urteil am 9. Oktober

Es ist der zweite Prozess, bei dem ein zur Aufsicht bestellter Betreuer sich sexuell an Kindern vergangen haben soll. Erst vor einem halben Jahr hat das Stuttgarter Landgericht einen Sporttrainer aus dem Kreis Ludwigsburg wegen ähnlicher Taten verurteilt. Und seit Mitte dieses Monats sitzt ein 19-jähriger Jugendtrainer aus Pattonville in Untersuchungshaft, der sich in mehreren Fällen in einem Sportverein in Remseck an einigen seiner Schutzbefohlenen vergangen haben soll.

Das Urteil gegen den 21-Jährigen soll laut Terminplan des Gerichts am 9. Oktober – öffentlich – verkündet werden.

Grund für Ausschluss der Öffentlichkeit


Zum Prozessbeginn wurde gestern die Öffentlichkeit für den gesamten Verlauf des Verfahrens ausgeschlossen. Als Gründe nannte die Vorsitzende Richterin Cornelie Eßlinger-Graf den Schutz der Opfer und auch den Schutz des Heranwachsenden. Der 21-Jährige leide unter einer Autismus-Form, dem Asperger-Syndrom, womit es ihm nicht möglich sei, sich in der Öffentlichkeit zu äußern. dpa