Tübingen Tübinger Jura-Professor stirbt bei Gondel-Unfall in Venedig

Begeisterter Hochschullehrer: Professor Joachim Vogel. Foto: Uni Tübingen
Begeisterter Hochschullehrer: Professor Joachim Vogel. Foto: Uni Tübingen
Tübingen / RAIMUND WEIBLE 20.08.2013
Der tragische Tod des Jura-Professors Joachim Vogel in Venedig erschüttert seine Fachkollegen in Tübingen und Stuttgart. Vogel war äußerst beliebt. Er war, was selten vorkommt, zugleich Uni-Lehrer und Richter.

Juristen in Stuttgart, Tübingen und München trauern um ihren Kollegen Joachim Vogel. Der 50-jährige Professor war am Samstag bei einem Unfall auf dem Canal Grande bei der berühmten Rialto-Brücke ums Leben gekommen. Vogel hatte sich mit seiner Ehefrau und drei Kindern eine Fahrt mit der Gondel gegönnt. Diese wurde von einem Bootsbus angefahren, die in Venedig Vaporetto heißen. Alle Insassen der Gondel, auch der Gondoliere, stürzten ins Wasser. Vogel wollte, wie italienische Zeitungen schildern, seine dreijährige Tochter schützen und wurde von der Fähre an die Pier gedrückt. Seine Tochter erlitt schwere Kopfverletzungen.

Vogel war vergangenes Jahr von der Uni Tübingen an die Uni München gewechselt. Ein Ruf aus München gilt in Fachkreisen als Auszeichnung. Der Spezialist für Strafrecht und Strafprozessrecht genießt ein hohes Ansehen. "Er war ein begeisterter und begeisternder Hochschullehrer", sagt der Tübinger Jura-Dekan Jörg Kinzig, der mit Vogel studiert hat. Kinzig rühmt die Schaffenskraft des Strafrechtlers, der nicht nur ein großer Wissenschaftler mit engem Bezug zur Praxis, sondern auch ein großer Lehrender gewesen sei. Bei seinen Studenten war Vogel ebenfalls sehr beliebt.

In Tübingen erinnern sich viele an den Auftritt Vogels vor 750 Teilnehmern an der Kinder-Uni, wo er eine Probe seiner Begabung abgab, juristische Sachverhalte verständlich zu vermitteln. Vogel war Hochschullehrer und Richter gleichzeitig, eine seltene, aber in der Justiz sehr willkommene Kombination. Von 2001 bis 2012 gehörte er dem 1. Senat des OLG Stuttgart an.

Vogels Sachverstand war bei der Überprüfung von Auslieferungen von Straftätern an andere Länder gefragt - und bei Entscheidungen darüber, ob im Ausland verurteilte Deutsche ihre Strafe im Heimatland absitzen dürfen. Über letzteres Thema hat Vogel ein Buch publiziert. OLG-Sprecher Stefan Schüler: "Der Tod Vogels ist ein großer Verlust für die Fachwelt". Nach dem Wechsel nach München setzte Vogel seine Richtertätigkeit am OLG München fort. Der Münchner Uni-Präsident Bernd Huber bezeichnete Vogel als "außergewöhnlichen Juristen". "Wir sind geschockt, vor allem aber zutiefst betroffen von seinem Tod", sagte Huber, "alle unsere Gedanken sind bei seiner Familie." Vogels Frau Gundula Schäfer-Vogel ist ebenfalls eine promovierte Juristin. Die Familie wohnte nach wie vor in Tübingen. Die dreijährige Tochter wird im Krankenhaus von Padua behandelt. Sie sei nicht in Lebensgefahr, hieß es. Der Gondel-Unfall hat in Venedig eine kritische Diskussion über die angespannte Verkehrslage auf Venedigs Kanälen entfacht.