Ausgrabung Tübinger Archäologen finden im Nordirak eine 3000 Jahre alte Stadt

Madeleine Wegner 22.11.2016

Für einige Wochen im Jahr liegt Peter Pfälzners Arbeitsort nur 45 Kilometer vom IS-Territorium entfernt. Der Tübinger Archäologe leitet Ausgrabungen im Nordirak. Vor wenigen Wochen haben sein Team und kurdische Wissenschaftler Überreste einer bedeutenden bronzezeitlichen Stadt entdeckt.

Herr Professor Pfälzner, Sie sind gerade aus dem Nordirak zurückgekehrt. Wie sicher ist es dort für Wissenschaftler?

Peter Pfälzner: Es gibt im Nordirak regional und lokal große Unterschiede, was die Sicherheit betrifft. Insbesondere in Irakisch-Kurdistan, wo wir arbeiten, sorgen eigene Streitkräfte – vor allem Peschmerga – für einen hohen Grad an innerer Sicherheit. Es gab dort bisher keine Anschläge und keine Entführungen. Obwohl wir so nah am IS-kontrollierten Territorium arbeiten, können wir uns deshalb völlig sicher fühlen.

Welche Bedeutung hat die Region aus archäologischer Sicht?

Wir untersuchen die Besiedlungsgeschichte in der Provinz Dohuk, die bisher archäologisch noch gar nicht erforscht ist. Das hat unterschiedliche Gründe, vor allem konnten Archäologen dort während des  Saddam Hussein-Regimes nicht arbeiten. Das ist erst seit gut zehn Jahren möglich, aber  wir haben bei Null angefangen.  Es hat sich gezeigt, dass es von der Altsteinzeit über die Bronzezeit bis hin zur assyrischen Zeit Siedlungen gab. Insgesamt haben wir bislang über 300 archäologische Fundstätten neu entdeckt. Damit eröffnen wir ein völlig neues Kapitel.

Was haben Sie und Ihr Team während der zweimonatigen Grabungen in diesem Sommer gefunden?

Wir haben 25 Kilometer westlich der Stadt Dohuk beim Dorf Bassetki Überreste einer Stadt gefunden, die um 3000 vor Christus entstanden ist. Es ist die größte bronzezeitliche Stadtanlage in dieser Region. Bereits 1975 hatte man bei Straßenbauarbeiten eine Bronzestatue mit einer Inschrift des Königs Naram-Sîn gefunden, des wichtigsten Königs des Akkadischen Reiches. Die Hauptstadt dieses Reiches, Akkade, lag jedoch viel weiter südlich. Der Fundort Bassetki wurde nie untersucht. Mittlerweile vermuten wir, dass hier ein Außenposten dieses Weltreiches war.

Mit den Grabungen sind Sie dem Bau einer Autobahn zuvor gekommen …

Der größte Feind der Archäologie ist in Kurdistan die Infrastruktur. Es besteht bereits eine vierspurige Schnellstraße von Dohuk in die Türkei, sie soll sechsspurig erweitert werden. Beim Bau der Straße wurde damals die Bronzestatue gefunden. Nun besteht die Gefahr, dass bei der Erweiterung große Teile der alten Siedlung zerstört werden. Deshalb haben wir  sogleich im August 2015 mit den Grabungen angefangen, um den Behörden zu signalisieren, wie wichtig und schützenswert dieser Ort ist. Es hat sich aber schnell gezeigt, dass die Behörden sehr kooperativ sind.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Behörden und Wissenschaftlern vor Ort?

Es gibt eine eigene Antiken-Verwaltung in der Provinz Dohuk. Mit dem zuständigen Archäologen, Dr. Hasan Qasim, und seinem Team arbeiten wir eng zusammen. Es ist uns wichtig, dass wir die Ausgrabungen gemeinsam mit den lokalen Archäologen machen. Das stößt auf sehr viel Gegenliebe, anders als in der Türkei.

Warum sind die kurdischen Kollegen so stark an der Kooperation interessiert?  

Gerade den Kurden ist bewusst, wie wichtig das Kulturerbe für ihr Land ist. Es mangelt jedoch an Personal und an finanziellen Mitteln für archäologische Ausgrabungen. Außerdem planen sie schon in die Zukunft und hoffen, dass Touristen aus Europa kommen, sobald sich die politische Lage stabilisiert hat.

Welche Projekte haben Sie dort für die Zukunft geplant?

Bislang haben wir nur schmale Grabungs-Testschnitte angelegt, um die verschiedenen Schichten des Siedlungshügels zu datieren. Das war erst die Vorarbeit für größere Grabungen.  Jetzt können wir in den nächsten Jahren in die Fläche gehen und einzelne Bereiche ausgraben – also Häuser, Straßen, Tempel, sodass wir Schritt für Schritt eine Stadt erschließen können. Aber so ein Vorhaben dauert mindestens zehn Jahre. Wir hoffen, dass die Situation in Kurdistan ruhig bleibt, die Prognosen dafür sind gut.

Die politische Lage schränkt die Arbeit deutscher Archäologen bereits in vielen anderen Ländern ein.

Für uns als Vorderasiatische Archäologen gibt es kaum noch Länder, in denen wir arbeiten können: In Syrien geht es nicht mehr, in Jemen und in Afghanistan ebensowenig und auch in der Türkei ist es politisch schwierig geworden. Deshalb ist für uns eine Region wie Irak-Kurdistan wichtig, wo man gut und unbesorgt arbeiten kann. Das sehen viele Wissenschaftler so, Kurdistan ist jetzt voll von Archäologen.

Und für Archäologen gibt es dort offensichtlich noch sehr viel zu tun.

Ja. Das war eine Randregion von Mesopotamien, von wo aus Kontakte nach Iran, Anatolien und Syrien bestanden und wo es immer viele kulturelle Entwicklungen gab. Das ist also ein äußerst interessantes Gebiet. Dort wird es über Jahrzehnte noch viel zu arbeiten geben – das fängt jetzt erst an.

Zur Person: Prof. Peter Pfälzner, 1950 in Nürnberg geboren, ist seit 1996 Professor für Vorderasiatische Archäologie an der Universität Tübingen. Er ist an Ausgrabungs-Projekten im Nordirak und in Syrien beteiligt.