Die Landesregierung will an der Universität Tübingen eine Professur für Komplementärmedizin einrichten und damit mittelfristig in Deutschland zum Vorreiter werden. Das geht aus einer Kabinettsvorlage hervor, die dieser Zeitung vorliegt. 

Komplementärtherapien sind Verfahren, die sich nicht als Alternative zur  wissenschaftsbasierten Schulmedizin sehen, sondern sie ergänzen. Es geht um Methoden aus der Erfahrungs- und Naturheilkunde. „Diese Verfahren unterscheiden sich von der konventionellen Therapie jedoch durch den niedrigeren Evidenzgrad aufgrund noch fehlender Studien bzw. wissenschaftlich anerkannter Wirkungsnachweise“, heißt es im Papier, über das der Ministerrat am Dienstag beraten will. Von Seiten der Patienten gebe es hohes Interesse; auch die Ärzte stünden dem Thema offen gegenüber. Verlässliche Informationen zu erhalten, sei aber sehr schwierig. Ohne Evidenz sei zudem eine Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen kaum möglich.

Im Koalitionsvertrag vereinbart

Um das zu ändern, soll nun ein Versprechen aus dem grün-schwarzen Koalitionsvertrag umgesetzt werden: Ein Lehrstuhl für Naturheilverfahren und integrative Medizin soll Transparenz, Qualitätssicherung und Patientensicherheit schaffen. Als Partner haben Wissenschaftsministerin Theresia Bauer und Sozialminister Manfred Lucha (beide Grüne) unter anderem die Robert-Bosch-Stiftung gewonnen. Die Stiftung wird über eine fünfjährige Anschubfinanzierung die Basis für einen Lehrstuhl an der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen gewährleisten. Die Forschung soll am Zentrum für Tumorerkrankungen des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart erbracht werden. Die W3-Professur, die 2019 besetzt werden soll, wird mit Postdoc-Stelle und technischem Assistenten ausgeschrieben. Die Bosch-Stiftung stellt dafür in den ersten fünf Jahren insgesamt 1,84 Millionen Euro zur Verfügung. Das Wissenschaftsministerium finanziert die Erstausstattung.

Die Bosch-Stiftung macht ihre Zuschüsse davon abhängig, dass die Professur nach der fünfjährigen Anlaufphase durch das Land weitergeführt wird. Die Kabinettsvorlage sieht zunächst eine Evaluierung vor. „Abhängig vom Ergebnis der Evaluation wird über die Verstetigung der Professur entschieden“, heißt es in dem Papier. Ab dem sechsten Jahr sei sie gegebenenfalls der erste Lehrstuhl für Komplementärmedizin in Deutschland, der nicht von einer Stiftung gefördert werde. „Baden-Württemberg würde insoweit eine Vorreiterrolle einnehmen.