Flucht Transitland Schweiz? Zahl illegal einreisender Flüchtlinge gestiegen

Bundespolizisten kontrollieren im Bahnhof von Konstanz einen Asylbewerber aus Westafrika. Die Beamten haben inzwischen Verstärkung bekommen.
Bundespolizisten kontrollieren im Bahnhof von Konstanz einen Asylbewerber aus Westafrika. Die Beamten haben inzwischen Verstärkung bekommen. © Foto: dpa
Konstanz / KATHRIN DRINKUTH UND THOMAS BURMEISTER, DPA 01.10.2016
Immer mehr Flüchtlinge reisen illegal über die Schweiz nach Deutschland. Ist das eine neue Flüchtlingsstrecke nach Schließung der Balkanroute?

Sithawit sitzt auf einem Poller vor dem Konstanzer Bahnhof. Es ist neun Uhr morgens, sie sieht müde aus und erschöpft. Stunden zuvor hat die Bundespolizei die 25-Jährige aufgegriffen – als die Hochschwangere mit ihrer vier Jahre alten Tochter nachts über die Schweiz nach Deutschland eingereist ist. Wie es jetzt weitergeht? Sithawit schüttelt den Kopf, zieht ihre Tochter an sich und zeigt auf das Zugticket in der Hand: Karlsruhe. Ziel ist die Landeserstaufnahmestelle. Neben ihr warten zwei weitere junge Männer auf die Bahn, auch sie wurden in der Nacht von der Bundespolizei eingesammelt.

Viele Flüchtlinge reisen derzeit unerlaubt über die Schweiz in den Südwesten ein. Im August wurden an der deutsch-schweizerischen Grenze knapp 700 Menschen aufgegriffen, im Juli 450, wie der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Konstanz, Benjamin Fritsche, sagt. Von Januar bis August waren es 2620 Asylbewerber. Im Vorjahreszeitraum waren es 1890. Über die Gründe für den Anstieg der Zahlen könne man nur spekulieren, sagt Fritsche. Mit der Schließung der Balkanroute habe der Anstieg allerdings nichts zu tun: „Die Zahl der Flüchtlinge, die etwa aus Syrien kommen, ist vernachlässigbar“, sagt Fritsche. Stattdessen stammten die meisten illegal Einreisenden aus afrikanischen Ländern wie Eritrea, Gambia oder Äthiopien. Diese Flüchtlinge seien ohnehin eher auf der Mittelmeer-Route unterwegs.

In Schweizer Medien wurde von unbestätigten Schätzungen berichtet, wonach etwa die Hälfte der aus Italien gekommenen Flüchtlinge, die in der Schweiz einen Asylantrag gestellt haben, später versuchten, von dort aus nach Deutschland zu gelangen. Die „Neue Zürcher Zeitung am Sonntag“ hatte unlängst vermutet, die Schweiz könne „zum neuen Transitland“ für Flüchtlinge auf dem Weg nach Deutschland werden.

Die Schweizer Behörden können die Zahlen zur Weiterreise nach eigenen Angaben nicht bestätigen, da sie dazu keine Statistiken hätten. Es sei aber klar, dass es Migranten gebe, die nach der Registrierung in der Schweiz „verschwinden“ – und wahrscheinlich auf eigene Faust nach Deutschland weiterreisten.

Flüchtlinge, die angeben, nach Deutschland zu wollen, würden aber konsequent nach Italien zurückgeschickt, heißt es beim Schweizer Grenzwachtkorps. Wer dagegen um Asyl in der Schweiz bitte – das sei bei etwa einem Drittel der Fall –, werde zunächst in das Aufnahmezentrum in Chiasso nahe der Grenze zu Italien überstellt. Dort gibt es jedoch nur 140 Plätze, so dass die meisten bald weiter geschickt werden zu den größeren Aufnahmelagern in Basel und Kreuzlingen, die beide an der Grenze zu Deutschland liegen.

Die gestiegene Zahl illegal einreisender Flüchtlinge beschäftigt die Bundespolizeiinspektion in Konstanz. Die Direktion in Stuttgart hat weitere Einsatzkräfte geschickt, um die Beamten zu unterstützen. Viele Flüchtlinge reisen mit dem Zug oder auch mit dem Fernbus von der Schweiz aus in die Stadt, sagt Fritsche. Über die „grüne Grenze“ kommen dagegen weniger. Rechnet er damit, dass die Zahlen im Herbst, wenn es kälter wird, wieder abnehmen? „Schwer zu sagen“, meint er. „Wir sind selber gespannt, wie es sich entwickelt. Aber wir sind auf alles vorbereitet.“

Wie genau Sithawit von Eritrea nach Konstanz kam, will sie nicht erzählen. Die kurze Nacht hat sie mit ihrer Tochter in einer kleinen Herberge in der Stadt verbracht. Am nächsten Morgen hat die Bundespolizei sie abgeholt und zum Bahnhof gebracht. Welche Route hat sie genommen? Ist sie mit ihrer Tochter alleine unterwegs? Oder hatte sie Unterstützung durch einen Schleuser? Sithawit winkt plötzlich ab. Sie spreche nur wenig Englisch, sagt sie dann. „Little english, little english.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel