Tourismus-Großprojekt: Center Parcs baut im Allgäu

RUDI SCHÖNFELD 06.10.2016

Seit zwei Wochen ist die Baugenehmigung da – es kann losgehen mit dem Bau eines der größten Ferienparks in Deutschland. Auf dem Gelände eines ehemaligen Munitionsdepots bei Leutkirch im Allgäu fällt morgen, Freitag, offiziell der Startschuss. Allein die Zahlen sind gigantisch. 350 Millionen Euro werden investiert, es sollen 1000 Ferienhäuser mit 5000 Betten entstehen. Die Verantwortlichen des international tätigen Ferienveranstalters Center Parcs rechnen ab 2018 mit jährlich 350 000 Besuchern und einer Million Übernachtungen im Jahr. Das 2007 von der Bundeswehr aufgelassene Munitionsdepot erstreckt sich zwischen Leutkirch zum größten Teil und der bayerischen Marktgemeinde Altusried und ist 184 Hektar groß. Das entspricht 258 Fußballfeldern oder in etwa der Größe des Fürstentums Monaco.

Der Mutterkonzern von Center Parcs, die französisch-niederländische Groupe Pierre & Vacances, ist nach eigenen Angaben europäischer Marktführer auf dem Gebiet des Familientourismus. Die Gruppe betreibt in ganz Europa mehr als 46 000 Apartments und Ferienhäuser. In Deutschland hat Center Parcs fünf Anlagen, europaweit sind es 21. Im Urlauer Tann, wie das dicht bewaldete Gelände genannt wird, soll ein komplettes Dorf entstehen, mitsamt tropischem Erlebnisbad, Einkaufszentrum, Restaurants und diversen Unterhaltungsmöglichkeiten.

Nicht nur für die 22 000 Einwohner zählende Stadt Leutkirch, sondern für das ganze württembergische und bayerische Allgäu bis zum Bodensee und in den Bregenzer Wald hinein, wird der Ferienpark touristische Umwälzungen mit sich bringen, deren Auswirkungen sich noch kaum abschätzen lassen. Die Leutkirch umgebenden Städte und Gemeinden sind – wie allenthalben zu hören ist – nicht skeptisch, sondern im Gegenteil voll positiver Erwartung dessen, was da kommen wird. Sicher ist auch, dass Leutkirch nicht länger die graue Maus im Allgäuer Käsedreieck Isny-Wangen-Leutkirch bleiben wird.

Erstaunlich: Obwohl sich das Großprojekt seit sieben Jahren in den Startlöchern befindet und lange Zeit fast an den Finanzierungsschwierigkeiten gescheitert ist, regt sich bis heute kein Widerstand. Im Gegenteil: die Stimmung ist ausschließlich positiv. Selbst vom BUND gibt es nur  resigniert klingende Kommentare. Der ehemalige Forstdirektor von Bad Waldsee, Gerhard Maluck, etwa räumt ein, wenn ein Projekt derart von der Landesregierung  unterstützt werde und die volle Fürsprache in der Bevölkerung habe, könne man dagegen nicht angehen, allenfalls Schadensbegrenzung betreiben.

Die Leutkircher haben sich schon 2009 in einem Bürgerentscheid mit 95 Prozent der Stimmen und einer Wahlbeteiligung von über 77 Prozent zum Ferienpark bekannt. Woraufhin die damals CDU-geführte Landesregierung unter Ministerpräsident Oettinger sieben Millionen Euro aus Steuermitteln für die Mitfinanzierung der öffentlichen Erschließung, in Ausgleichsmaßnahmen, Altlastenbeseitigung sowie Planungs- und Gutachterkosten in Aussicht gestellt hat. Die erste von den Grünen geführte Landesregierung hat die Zusage trotz der langen Hängepartie nie in Frage gestellt.

Fraglos kommen auf den Urlauer Tann gewaltige bauliche Eingriffe zu. Obwohl Center Parcs mit dem Anspruch angetreten ist, das Projekt so behutsam wie möglich in den Wald einzufügen und das über 20 Kilometer lange bestehende Straßennetz voll in den Park mit einzubeziehen, müssen viele Hektar Wald eingeschlagen werden. Enorme Erdbewegungen für das Zentralgebäude oder die Anlage künstlicher Gewässer sind nötig. Wild, Vögel, Fledermäuse oder auch Waldameisen benötigen Ausgleichsmaßnahmen. Bisher, heißt es behördlicherseits und auch bei den Naturschützern, seien alle Auflagen befolgt worden.

Natürlich erhofft sich die Stadt Leutkirch nicht nur ermäßigte Eintrittspreise für die Bevölkerung im ganzjährig geöffneten Spaßbad. Es werden auch handfeste wirtschaftliche Vorteile erwartet – für Handwerk, Gewerbe und Handel, Gastronomie. Leutkirchs Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle, der Center Parcs den Urlauer Tann schmackhaft gemacht hat, spricht von 500 Vollzeitarbeitsplätzen, die im Park dauerhaft entstehen. Mehrere hundert Teilzeitkräfte dürften für Reinigung und sonstigen Service gebraucht werden.

Anhand einer Untersuchung im Auftrag von Center Parcs am Beispiel der Anlage in Bispingen in der Lüneburger Heide rechnet Henle vor: Die Brutto-Wertschöpfung pro Jahr für die heimische Wirtschaft liege bei 60 Millionen Euro. Der Etat der Urlaubsgäste fließe zu einem Drittel in die Unterbringung, ein weiteres Drittel in die Verpflegung im Park; der Rest werde außerhalb in der Region ausgegeben, sagt Henle.

 Seit Monaten ist eine Spezialfirma mit dem Aufspüren militärischer Altlasten beschäftigt. Schließlich diente das Munitionsdepot ab 1939 nicht nur der Wehrmacht, sondern später auch der Bundeswehr und der US-Army. Tonnenweise Schrott, aber auch Patronen und scharfe Granaten wurden aus der Erde geholt. Die Säuberung soll bis Jahresende abgeschlossen sein. Kein Urlauber, beteuert OB Henle, müsse sich dann noch Sorgen um seine Sicherheit machen. Die weit mehr als hundert Bunker, die die Bundeswehr hinterlassen hat, zerbröseln derzeit unter den kräftigen Hieben der Baggermeißel. Nur ein Bunker bleibt – als Unterschlupf für Fledermäuse.

Drei Fragen an Andreas Braun

1 Herr Braun, was bedeutet der Ferienpark für den Tourismus im Land? Baden-Württemberg bekommt eine neue große Attraktion. Sie wird viele Menschen aus dem In- und Ausland in diese wunderschöne Region locken.

2Werden die Besucher anderswo fehlen?  Center-Parcs-Besucher sind eine eigene Zielgruppe, vor allem Familien mit Kindern. Da wir in Baden-Württemberg bisher keinen Park haben, bereichert er unser Angebot. Wir freuen uns darüber!

3Profitieren auch Ziele in der Umgebung? Gewiss finden Ferienpark-Besucher auf dem Gelände selbst eine ausgezeichnete Infrastruktur vor. Dennoch profitiert die ganze Region vom Park und seinen Gästen – Baufirmen, Handwerker, Bäcker, Bauern, Einzelhandel. Und in der herrlichen Landschaft des Allgäus und Oberschwabens werden etliche Urlauber bestimmt auch mal über den Tellerrand des Parks hinausstreben wollen. aw