Der sichere Tod für sämtliches Getier in der Jagst wälzt sich derzeit mit 400 Metern pro Stunde durch den Fluss und hat mittlerweile auf einer Länge von zirka 20 Flusskilometern sämtliches Leben ausgelöscht. Auslöser für das Massensterben ist giftiges Ammoniumnitrat aus Düngemitteln, die beim Brand einer Mühle in Kirchberg-Lobenhausen in der Nacht auf Sonntag mit Löschwasser in den Fluss gespült wurden. Die erste Messung des Landratsamts wenige Stunden nach dem Brand ergab eine Konzentration von 300 Milligramm pro Liter – die tödliche Dosis für Fische liegt zwischen 0,5 und 1 Milligramm.

Weitere Proben ergaben am Dienstag weit niedrigere Werte. Die Gefahr ist damit aber nicht gebannt: „Wir können nicht ausschließen, dass sich die Giftwalze noch weiter flussabwärts bewegt“, sagt Gerhard Bauer, Landrat im Kreis Schwäbisch Hall. Als Gegenmaßnahme pumpten am Dienstag Feuerwehren an einem Wehr große Mengen Jagstwasser in die Langenburger Kläranlage und brachten Frischwasser ein. Zudem transportiert der Maschinenring Schwäbisch Hall seit Dienstag stündlich 120 Kubikmeter Wasser vom Kocher in die Jagst. Auch ein Speicherbecken in Ellwangen-Buch wurde geöffnet, um den Fluss mit Frischwasser zu versorgen.

Bereits am Sonntag hatte sich das Unheil angekündigt. Nach dem Brand fand ein Kirchberger Feuerwehrmann unweit der Mühle die ersten toten Fische. Stunde um Stunde breitete sich das Sterben weiter aus, Mitglieder von Fischereivereinen holten seither tonnenweise tote Fische aus dem Fluss. Von einer „ökologischen Katastrophe ersten Ranges“ spricht Bruno Fischer, Vorsitzender der Kirchberger Ortsgruppe des Naturschutzbundes (Nabu): „Die Jagst in diesem Abschnitt ist vollkommen tot, sämtliche Fische sind verendet, auch die Jungtiere.“ Es werde wohl Jahre dauern, „bis hier wieder der ursprüngliche Zustand herrscht.“ Wie genau das verseuchte Löschwasser in die Jagst geriet, ist dabei noch unklar.

Massive Kritik am Krisenmanagement des Landratsamtes in Schwäbisch Hall übten etliche Bürger, Anrainer und Angler: Es habe zwei Tage lang so gut wie keine Informationen und Handlungshilfen gegeben, Feuerwehren und das THW seien viel zu spät am Fluss eingesetzt worden. Michael Knaus vom Landratsamt („Ich kann die Verärgerung gut verstehen“) entgegnete, dass „man erst informieren kann, wenn man selbst etwas weiß“. Landrat Bauer sagte, dass es keine Vorbilder für eine Reaktion in einem „solchen einmaligen Fall“ gebe: „Wir haben getan, was wir konnten.“

Ist auch der Neckar in Gefahr? Das Landratsamt Heilbronn gab offiziell keine Entwarnung. „Rein vorsorglich“, sagte Behördensprecher Manfred Körner, sei für die Jagst von der Kreisgrenze bei Jagsthausen bis zur Einmündung in den Neckar vor gesundheitlichen Schäden gewarnt worden. Das Amt rät laut einer Mitteilung von Dienstag bis zunächst 31. August „dringend“ von Bad, Wasserentnahme, Fischen und Kanufahren ab. Doch die Gefahr für den Neckar wird als gering eingeschätzt. „Im Neckar gibt es kein Fischsterben, zumal die Giftfahne den Fluss noch gar nicht erreicht hat“, betonte Körner. Das würde noch etwa eine Woche und rund 100 Flusskilometer dauern. „Wir hoffen auf den Verdünnungseffekt.“

Hobbyfischer gehen auf Nummer Sicher. Der Verein in Widdern (Kreis Heilbronn), der fünf Flusskilometer gepachtet hat, will versuchen, seine Fische mit elektrischer Hilfe zu fangen und in unbelastete Gewässer bringen. Wie sinnvoll die Rettungsaktion ist, bleibt abzuwarten. „Wenn auch die kleinen Lebewesen tot sind, haben die Fische in der Jagst nichts mehr zu fressen“, sagte Vorsitzender Dieter Stammer.

Sprengstoff und Düngemittel

Gift: Ammoniumnitrat ist ein Salz, das als Hauptbestandteil vieler Düngemittel, etwa Blaukorn, genutzt wird. Es ist giftig – vor allem aber explosiv, was zu etlichen Katastrophen in Chemiewerken (unter anderem 1921 bei BASF in Ludwigshafen) führte. Ammoniumnitrat wird auch bei der Sprengstoff-Produktion eingesetzt. Im Wasser bindet es den Sauerstoff, was Fische ersticken lässt.