Stuttgart Tödliche Verfolgungsjagd

Bild der Verwüstung: In einer Parkbucht an der B 27 in Richtung Tübingen kamen drei Menschen nach einer wilden Verfolgungsjagd ums Leben.
Bild der Verwüstung: In einer Parkbucht an der B 27 in Richtung Tübingen kamen drei Menschen nach einer wilden Verfolgungsjagd ums Leben. © Foto: dpa
DOMINIQUE LEIBBRAND 23.03.2016
Zwei Männer und eine Frau sind Montagnacht bei einer Verfolgungsjagd nahe Stuttgart ums Leben gekommen. Sie hatten sich einer Polizeikontrolle entzogen. Über das Motiv wird spekuliert. Ging es um Drogen?

Es ist 2.13 Uhr, als der graue Mercedes, Typ A-Klasse, ungebremst in die Parkbucht an der Bundesstraße 27 zwischen Stuttgart und Tübingen einbiegt. Der Mietwagen mit Münchner Kennzeichen ist mehr als 100 Stundenkilometer schnell. Das Fahrzeug streift die Leitplanke, überschlägt sich, kollidiert mit einem abgestellten Autotransporter, fliegt etwa 70 Meter durch die Luft, knallt gegen einen zweiten Lkw und kommt laut Darstellung der Polizei auf dem Dach zum Liegen. Der Fahrer - aus dem Mercedes geschleudert. Er ist sofort tot. Genauso wie die beiden anderen Insassen, ein zweiter Mann und eine Frau. Das Ende einer rasanten Verfolgungsjagd.

Die Tragödie hatte nur Minuten vor dem Unfall ihren Lauf genommen. Gegen 2.07 Uhr war das Trio in der Nacht auf Dienstag auf der A 8 zwischen Karlsruhe und Stuttgart in eine Geschwindigkeitskontrolle geraten. Eine Polizeistreife hatte sich an der Anschlussstelle Leonberg-West in Richtung München mit einem Hand-Lasermessgerät auf die Lauer gelegt. Eine Routineaktion. Als der Mercedes mit 182 statt der erlaubten 120 Stundenkilometer vorbeirauschte, wollten die Polizisten den Wagen stoppen, um ihn zu kontrollieren. Der Fahrer drückte nach Polizeiangaben jedoch noch mehr aufs Gas - woraufhin die Beamten die Verfolgung aufnahmen und kaum hinterher kamen. An der Autobahnanschlussstelle Stuttgart-Degerloch bog der Mercedes auf die B 27 in Richtung Tübingen ab. Kurz nach der Anschlussstelle Filderstadt-Plattenhardt steuerte der Fahrer den Wagen in die Parkbucht, in der regelmäßig Lkw-Fahrer in ihren Fahrzeugen übernachten. Warum er das tat: unklar. Vielleicht in der Hoffnung, man könne sich verstecken. Jedenfalls verlor er dann die Kontrolle.

Die Identität von zwei der drei Toten steht fest. Laut Polizei handelte es sich bei der Frau um eine 23-jährige Deutsche. Sie hatte auf dem Beifahrersitz gesessen. Der Mann auf der Rückbank wurde als 26-jähriger Kosovare identifiziert. Beide stammten aus dem Raum Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis). Die Identität des Fahrers war zunächst weiter unklar. Bei ihm wurden laut Sprecher Michael Schaal vom Polizeipräsidium Reutlingen wie bei den anderen beiden Ausweisdokumente gefunden - sie gehörten aber nicht zu dem Mann.

Warum das Trio flüchtete, darüber kann bislang nur spekuliert werden. "Ich verstehe nicht, warum die abgehauen sind", sagt Schaal. So waren die 23-Jährige und der 26-Jährige zwar einschlägig wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz bekannt. Sie galten jedoch nicht als Dealer, sondern als Konsumenten, die sich hin und wieder durch Diebstähle ihre Sucht finanzierten. Bis zum Nachmittag war unklar, ob sich im Auto Drogen befanden. Eine Blutentnahme bei allen dreien wurde angeordnet - vielleicht habe der Fahrer unter Drogen gestanden, so Schaal. Oder er habe noch mehr auf dem Kerbholz gehabt. "Vielleicht ging es auch einfach nur um den Tempoverstoß."

Feuerwehr und Rettungsdienst hatte sich ein Bild der Verwüstung geboten, als diese an der Unfallstelle eintrafen. Überall Blut, Stofffetzen und Fahrzeugteile, die A-Klasse zertrümmert, einer der beiden Lastwagen ein Totalschaden. Der Rettungsdiensteinsatzleiter Marc Lippe sagt später mit leiser Stimme: "So etwas sieht man nicht jeden Tag." Für die Teams sei der Anblick sehr belastend gewesen.

Ausgebaut wie eine Autobahn

Stau Die Bundesstraße 27 ist die wichtigste Verkehrsverbindung zwischen Stuttgart und Tübingen und auf diesem Abschnitt auf vier Spuren ausgebaut wie eine Autobahn. Infolge des Unfalls kam es am Dienstag bis in die Morgenstunden zu Verkehrsbehinderungen. Beide Fahrspuren Richtung Tübingen wurden zunächst voll gesperrt, um Platz für die Rettungsfahrzeuge zu schaffen. Im morgendlichen Berufsverkehr habe man dann eine Spur freigegeben, berichtete ein Polizeisprecher. Die Autos hätten sich auf mehreren Kilometern gestaut. Auch in der Gegenrichtung nach Stuttgart, wo sowieso stets mehr Verkehr herrscht, sei es aufgrund von Schaulustigen zu Stockungen gekommen.