Ermittlungen Tod in der Psychiatrie: Zwölf gegen einen

Ein Patient des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden (PZN) in Wiesloch ist im Dezember unter unklaren Umständen gestorben. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Pfleger, Polizisten und eine Ärtzin.
Ein Patient des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden (PZN) in Wiesloch ist im Dezember unter unklaren Umständen gestorben. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Pfleger, Polizisten und eine Ärtzin. © Foto: dpa
Wiesloch / Wolfgang Risch 12.05.2018

Er war groß, von bulliger Gestalt und bärenstark, „ein stattlicher Mann“, wie Tim Haaf sagt, der Sprecher der Heidelberger Staatsanwaltschaft. Umstände, die ihn schließlich das Leben kosteten. 41 Jahre alt war der Patient des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden (PZN) in Wiesloch (Rhein-Neckar-Kreis), als er am 18. Dezember 2017 starb. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg ermittelt jetzt gegen acht Polizeibeamte und vier Pfleger wegen Körperverletzung mit Todesfolge, sowie gegen die behandelnde Ärztin. Bei ihr besteht der Verdacht der fahrlässigen Tötung durch die Verwendung ungeeigneter Medikamente.

Im Jahr 2003 hatte das Landgericht Karlsruhe den Mann in die Psychiatrie eingewiesen. Im Dezember vorigen Jahres sollte er von der Rehabilitation zurück in die Forensische Abteilung des PZN gebracht werden. Was dann geschah, nennt Haaf eine „Verkettung unglücklicher Umstände“. Der Patient steigerte sich in einen Zustand hinein, den Mediziner „Erregtes Delirium“ nennen. Die Pfleger konnten des Mannes nicht mehr Herr werden, sie riefen die Polizei. Als er sich auf die Beamten stürzte, setzten zwei von ihnen Pfefferspray ein, was ohne Wirkung blieb.

Nachdem der 41-Jährige auch noch ein Fenster aus der Verankerung gerissen hatte, wurde er mit vereinten Kräften an Händen und Füßen gefesselt. Als er in dem Krankenwagen, der ihn zurück in die Forensische Abteilung des PZN bringen sollte, kollabierte, fuhren ihn die Sanitäter ins Uniklinikum Heidelberg. Dort starb der Mann kurze Zeit später. Eine Obduktion konnte die genaue Todesursache nicht klären.

Was also war geschehen? Auch ein Gutachten konnte keinen Aufschluss darüber liefern, ob „Gewalteinwirkung, Medikamente oder die Vorerkrankung ausschlaggebend waren“, wie Staatsanwalt Haaf sagt. Gleichwohl startet er den Versuch einer Erklärung: „Zwölf gegen einen wirkt auf den ersten Blick unschön.“ Doch selbst Schmächtige seien in ähnlichen Situationen in der Lage, unvorstellbare Kräfte zu entwickeln. Haaf sagt, ein gesunder Mensch wäre am Festhalten und den Fesselungen nicht gestorben. Anders der höchst erregte Mann. Aufgrund der verabreichten Medikamente, habe es Probleme bei der Sauerstoffversorgung gegeben. Haaf spricht von „Ersticken in Kombination mit Herz- und zentralem Versagen“.

Für die Ermittler stellen sich eine Reihe von Fragen. War die Entscheidung, zu handeln, im Nachhinein falsch? War der Tod des 41-Jährigen vorhersehbar? Wären die Umstände im Falle einer Anklage bestimmten Beteiligten zurechenbar? Und vor allem: Was wäre die Alternative gewesen? Eine der Situation angemessene Entscheidung zu treffen sei schwierig, sagt Haaf, weil vergleichbare Umstände im normalen Leben nicht vorkämen.

Ob es zu einer Anklage kommt, wird sich erst in einigen Wochen entscheiden.

info coco

Das psychiatrische Zentrum Nordbaden kümmert sich in Wiesloch um die Behandlung, Sicherung und Rehabilitation von psychisch kranken Strafttätern, die in ihrer Schuldfähigkeit beeinträchtigt sind.

Die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie verfügt nach eigenen Angaben über ein spezialisiertes und differenziertes Behandlungsangebot und modernste Sicherungsanlagen.
Nach Klinikangaben werden rund 240 Patienten in neun Behandlungseinheiten und Außenwohngruppen behandelt. Für die Begleitung in der Führungsaufsicht nach der bedingten Entlassung aus dem Maßregelvollzug ist die Forensische Ambulanz Wiesloch zuständig.

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