Verbrechen Tod eines Buben: Tragödie gibt Rätsel auf

Polizisten der Spurensicherung stehen vor dem Haus, in dem ein Siebenjähriger tot aufgefunden wurde.
Polizisten der Spurensicherung stehen vor dem Haus, in dem ein Siebenjähriger tot aufgefunden wurde. © Foto: Sina Schuldt/dpa
Künzelsau / Hans Georg Frank 02.05.2018

Der gewaltsame Tod eines Buben ist in Künzelsau eine rätselhafte Tragödie. Bei allem Entsetzen über das Verbrechen an dem siebenjährigen Kind suchen viele der 15 000 Einwohner eine Erklärung für die Tat. Aber selbst die unmittelbare Nachbarschaft findet keine Antwort, warum eine allseits geschätzte 69-Jährige ein ihr anvertrautes Kind getötet haben soll. Gegen sie war am Sonntag Haftbefehl erlassen worden, sie sitzt in Untersuchungshaft.

„Gewalt gegen den Hals“

Sie habe sich gegenüber der Polizei „eingelassen“, teilte die Staatsanwaltschaft am Montag ohne weitere Informationen über ein eventuelles Geständnis oder Motiv mit. „Diese Angaben sowie auch die Erkenntnisse aus dem vorläufigen Obduktionsergebnis werden nun in die weiteren Ermittlungen einfließen.“ Gerichtsmediziner hätten bei der Obduktion herausgefunden, „dass Gewalteinwirkung gegen den Hals des Jungen todesursächlich war“. Er wurde wohl erwürgt. Der Vater hat offenbar seinen leblosen Sohn in einer Badewanne gefunden. Der Junge sei jedoch „nicht ertrunken“, gaben die Ermittler bekannt. Die Tatverdächtige schweige, sie habe sich einen Anwalt genommen.

Das Kind hatte wieder einmal eine Nacht bei der Frau verbracht, mit der die Familie eines Akademikers ein vertrauensvolles Verhältnis pflegt haben soll, wie im Ort zu hören ist. Als der  Junge am Vormittag abgeholt werden sollte, war das Haus verschlossen, die Bewohnerin verschwunden. Ein Nachbar öffnete den Eltern die Tür.

Die Polizei suchte mit einem Großaufgebot nach der Hausbesitzerin, angeblich eine ehemalige Krankenschwester. Gegen 21.30 Uhr wurde sie nach einem Zeugenhinweis aufgespürt – nachdem sie in ihr Haus zurückgekehrt war. Sie wurde festgenommen, als offenbar noch gar nicht mit Sicherheit feststand, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt. Erst am Sonntagnachmittag erließ eine Richterin in Öhringen Haftbefehl wegen des dringenden Totschlagsverdachts.

Nachbarn beschreiben die 69-Jährige als „freundlich, hilfsbereit, immer nett, eher unauffällig“. Vor wenigen Tagen habe sie die Treppe vor dem Haus mit dem Dampfstrahler gereinigt, „alles piccobello“. Jetzt versperrt rotweißes Flatterband den  Zugang. „Niemand würde ihr eine solche Tat zutrauen“, meint ein Mann. Er hat mehrfach beobachtet, wie der Junge bei ihr abgegeben und „stets freundschaftlich aufgenommen“ worden sei. Dass sie nun eines Verbrechens beschuldigt wird, sei unvorstellbar: „Das war bestimmt ein Unfall.“

Selbst als viele Polizisten in der Straße anrückten, mochte eine Nachbarin nicht glauben, dass in dieser ruhigen Gegend ein Mensch gewaltsam zu Tode gekommen sein soll. Die Experten der Spurensicherung in weißen Overalls hielt sie für Schädlingsbekämpfer.

Die Tatverdächtige ist seit 2009 Witwe, ihr Mann arbeitete seit 1958 im Dienst des Landes, zuletzt beim Regierungspräsidium Stuttgart, er führte lange den SPD-Ortsverein und saß im Gemeinderat.  Die Frau ist seit Jahrzehnten Mitglied der SPD. „Sie ist eine herzensgute Frau, wir können das alles überhaupt nicht verstehen“, sagt der örtliche SPD-Chef Hans-Jürgen Saknus. Der Sohn arbeitet in München als Fotograf. Der Name der Familie steht für bürgerliche Seriosität. Die Tatverdächtige lebte allein im gepflegten Haus. Sie soll sich seit fünf Jahren um den Jungen gekümmert haben, der am Wochenende starb. Auf einer Mauer erinnern Blumen und Kerzen an ihn.

Himmel und Hölle im Hohenlohekreis

Der Bürgermeister von Künzelsau, Stefan Neumann, erklärte, „über den Tod des siebenjährigen Jungen sind wir zutiefst bestürzt, unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie“. Die Kreis­stadt, Verwaltungszentrum des baden-württembergischen Landkreises mit den wenigsten Einwohnern (rund 111 100), bereitet sich schon seit geraumer Zeit auf den Ausflug ihres Ehrenbürgers Alexander Gerst ins Weltall vor. Alle fiebern mit dem sympathischen Astronauten vor seinem Start zur Internationalen Raumstation ISS. Die Nachricht über einen mutmaßlichen Totschlag an einem Kind hat die Vorfreude jäh gestoppt. hgf