Der bekannte Kirchenkritiker Hans Küng wird morgen 87 Jahre alt. Mit Erscheinen des letzten Bands seiner Memoiren hatte er 2013 angekündigt, keine weiteren Bücher zu veröffentlichen. Offen schrieb er über seine Parkinson- und eine schwere Augen-Erkrankung. Kurz zuvor hatte er das Präsidentenamt der Weltethos-Stiftung abgegeben, die er 1995 gegründet hatte. Es schien ein Abschied aus der Öffentlichkeit zu sein.

Dann lieferte er mit seiner Befürwortung der Sterbehilfe im Buch "Glücklich sterben" 2014 noch einmal einen Affront gegen die Meinung von Kirche und Kurie. Gestern nun stellte er in Tübingen den ersten Band seines Gesamtwerkes vor. 24 Bände sollen es werden, vier pro Jahr. Küng genießt die Anerkennung: "Das ist eine Rehabilitation faktisch", sagte er über das Erscheinen bei Herder. Das traditionsreiche Haus verlegt auch das Gesamtwerk Joseph Ratzingers.

Ganz leicht fiel Küng der öffentliche Auftritt gestern nicht. Frei zu sprechen strengte ihn zunächst an, er wollte lieber aus seinem Vorwort zur Gesamtausgabe vorlesen. Später kam Küng dann doch in Fahrt, als es um seine theologischen Prinzipien und die aktuelle Politik ging.

Angst habe er keine vor dem Ende auf Erden, doch wünsche er sich "einen schönen Tod", sagte Hans Küng: "Ich möchte nicht, dass ich dahinsieche. Den Zeitpunkt, sich zu verabschieden, möchte ich nicht verpassen." Er sei bereit und könne jederzeit gehen.

Nicht nur die Parkinson-Erkrankung mache ihm zu schaffen, auch das Herz sei nicht mehr in Ordnung. Er genieße jeden Tag, den er sich an den Schreibtisch setzen könne, um an der Gesamtausgabe zu arbeiten. "Ich weiß nicht, wie lange das geht - ob Tage, Wochen oder Jahre. Aber ich bin für jeden Tag dankbar", sagte er.

Auch für die Veröffentlichung des Gesamtwerkes sind Vorbereitungen getroffen, seine langjährigen Mitarbeiter Stephan Schlensog und Günther Gebhardt könnten jederzeit übernehmen. Doch wozu das Gesamtwerk veröffentlichen? Küng will eine chronologische Ordnung in sein Werk bringen, hinzu kommen bislang unveröffentlichte Texte. Auch ein Buch über sieben Päpste sei im Grunde fertig und soll im Herbst erscheinen.

"Für mich ist das Verlockende, dass die Menschen sehen, dass die Werke zusammenhängen", sagte Küng über das Gesamtwerk. Schlensog ist als Küng-Schüler seit 30 Jahren an der Seite des Theologen und zudem Co-Autor und Herausgeber des Gesamtwerks. Es solle die Gesamtentwicklung Küngs zeigen, etwa die konsequente Entwicklung von der Frage der christlichen Ökumene bis hin zur Öffnung der Weltreligionen, so Schlensog. Diese manifestiert sich auch im Weltethos-Institut und in der Stiftung Weltethos.

Der Dialog der Religionen ist eines der Themen, bei dem Küngs Leidenschaft wieder aufflammte. "Das alles wäre vermeidbar gewesen", sagte er über den Zusammenprall von christlicher und islamischer Kultur. Hätte man auf seine Forderungen gehört, "wären wir heute nicht in dieser Situation".

Gibt es auch Dinge, die er heute anders als damals schreiben würde? "Ich kann eigentlich nichts sehen, was ich korrigieren müsste. Mit Blick auf die Fakten und Argumente in seinen Werken sagte er: "Im Grunde bin ich erstaunt, dass ich so wenige Fehler gemacht habe."