"Ob die zu uns gekommenen Flüchtlinge einen guten Platz in unserer Gesellschaft finden, ob sie hier heimisch und glücklich werden oder nicht, hängt sehr stark davon ab, wie erfolgreich ihre Bildungskarriere verläuft." Kultusminister Andreas Stoch (SPD) ist überzeugt davon, "dass früh die Weichen richtig gestellt werden müssen", wie er am Montag in Stuttgart sagte, wo eine Fachtagung zum Thema stattfand.

Der quantitative Ausbau der schulischen Integration von Flüchtlingen habe Schritt gehalten mit dem wachsenden Zustrom. Wurden im Schuljahr 2014/15 rund 18.000 Schüler in knapp 1300 Vorbereitungsklassen (VKL) und in VABOKlassen (Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen) unterrichtet, so waren es Anfang Dezember 2015 mehr als 30.000 Schüler in 2170 Klassen. Etwa 40 Prozent von ihnen haben einen Fluchthintergrund. Aufgestockt wurden auch die Mittel für die zusätzliche Sprachförderung für Schüler in Regelschulen im Doppelhaushalt 2015/16 um 4,8 Millionen Euro und im Nachtrag 2016 nochmals um drei Millionen Euro.

Jetzt will Stoch die Weiterentwicklung der Qualität der Angebote in den Vordergrund stellen. Auch die Flüchtlingseltern sollen angesprochen werden. Vor allem sind Unterstützungsmaßnahmen für die Lehrer vorgesehen.

Auch deren Arbeit wird erleichtert, wenn ab 18. Januar im zentralen Registrierungszentrum in Heidelberg auch die "Bildungsbiografische Ersterfassung (BBE) erfolgt. Bei zunächst bis zu 70 Kindern und Jugendlichen wird täglich (auch digital) notiert, welche Kenntnisse sie haben in Lesen und Schreiben. Ein Probelauf im November in der Erstaufnahmestelle in Meßstetten hat ergeben, dass etwa 30 Prozent bislang keine Schule besucht haben. Erfasst wird auch, welche Sprachkenntnisse vorliegen (Muttersprache, Amtssprache, andere Sprachen). Bis zu neun pädagogische Fachkräfte sollen dafür zur Verfügung stehen.

Anhand der Informationen erfolgt dann passgenauer die Zuweisung in Vorbereitungs- oder VABO-Klassen. Dort soll dann ab Mitte Februar eine neu konzipierte "Potenzialanalyse für Flüchtlinge" den möglichst raschen Übergang in eine Regelklasse erleichtern. In Tests werden sprachliche, mathematische und überfachliche Fähigkeiten festgestellt. "Baden-Württemberg ist hier Pionier", sagte Stoch. Er freue sich, dass sich das Bundesbildungsministerium mit zwei Millionen Euro bis 2018 an dem Modellversuch beteilige.

Deutlich ausgeweitet wurden auch die Fortbildungsangebote für Lehrer vor allem mit dem Schwerpunkt Sprachförderung. Stoch sprach von einer "günstigen Augangssituation", man fange nicht, wie zum Teil in anderen Bundesländern, bei Null an. Um den Herausforderungen durch viele traumatisierte Flüchtlingskinder gerecht zu werden, gibt es verstärkte Fortbildungen und Supervisionsangebote zu diesem Komplex. Auch für Erzieherinnen und Erzieher der unter sechsjährigen Flüchtlinge (2015 kamen 13.000) gibt es jetzt erstmals 500.000 Euro für entsprechende Coachingkurse.

Pensionäre zieht es nicht in die Schulen

Rundschreiben Je mehr junge Flüchtlinge kommen, desto mehr Lehrer werden zusätzlich benötigt. Bisher ist es, wie Kultusminister Andreas Stoch darlegte, gelungen, alle neuen Stellen auch zeitnah zu besetzen. Um gerüstet zu sein, hatte Stoch im Oktober 2015 insgesamt 30.000 pensionierte Lehrer angeschrieben und um Mithilfe beim Sprachunterricht in den Vorbereitungsklassen gebeten.

Zusagen Der Rücklauf ist bisher übersichtlich. 515 Lehrer hätten bisher ihre Bereitschaft erklärt, befristet, im Schnitt 6,8 Wochenstunden, junge Flüchtlinge zu unterrichten. Nach Ministeriumsangaben soll nochmal kommuniziert werden, dass sich auch mehr Wochenstunden nicht negativ auf die Pensionshöhe auswirken.

Gemeinden rechnen mit Kostenexplosion

Weil immer mehr Flüchtlinge dauerhaft in die Städte und Gemeinden kommen, wollen die Kommunen wissen, wer die Mehrausgaben bezahlt. "Insbesondere der Wohnungsbau wird hohe Kosten mit sich bringen, denn wir haben schon jetzt, ohne die Asylbewerber, in vielen Orten Wohnungsmangel", sagte Roger Kehle, Präsident des baden-württembergischen Gemeindetags. "Wir müssen so schnell wie möglich klären, wer für die Kosten aufkommt."

In einem internen Papier rechnen Gemeindetag, Städtetag und Landkreistag allein für den Wohnungsbau mit einem kommunalen Investitionsbedarf in Milliardenhöhe. Es sei davon auszugehen, "dass jährlich zusätzlich 30.000 Wohnungen für die anerkannten Asylbewerber und deren nachgezogene Familien erforderlich werden". Die Landesregierung kündigte den Kommunen bei der Anschlussunterbringung von anerkannten Asylbewerbern Unterstützung an: "Wir werden unseren Teil in der Verantwortungsgemeinschaft weiter leisten, deshalb investieren wir zum Beispiel mehr in bezahlbaren Wohnraum", sagte SPD-Finanzminister Nils Schmid. "Klar ist aber, dass auch der Bund die Länder und Kommunen bei dieser nationalen Aufgabe nicht alleine lassen darf."

Egal ob Sprachkurse, Kinderbetreuung oder Schulsozialarbeit, die kommunalen Spitzenverbände prognostizieren auch in anderen Bereichen der Integration hohe Kosten. So gehen die Experten in der Hochrechnung beispielsweise von 600 Millionen Euro für den Bau von Kinderbetreuungseinrichtungen aus. Insgesamt summierten sich die Kosten auf mindestens 4800 Euro pro Flüchtling jährlich.

Die Spitzenverbände gehen in ihren Berechnungen von einer jährlichen Zugangsrate von 130.000 Asylbewerbern nach Baden-Württemberg und einer Anerkennungsquote von 50 Prozent aus. Ein Problem sei, "dass es bei den Flüchtlingen einen Trend hin zu Ballungsräumen gibt", heißt es in dem zehnseitigen Papier. Deswegen plädierte Kehle für die Wiedereinführung der Residenzpflicht von Asylbewerbern.