Tübingen/Ulm Tempo 30 gegen den Feinstaub

Tübingen/Ulm / LSW 11.12.2012
Tempo 30 nur im Wohngebiet? Das war einmal. Auch an Hauptstraßen stehen die Schilder - gegen den Feinstaub. Doch viele Städte zögern. Fahrer sind sauer, Experten zweifeln am Sinn des Schleichverkehrs.

Im Kampf gegen Lärm und Feinstaub bremsen immer mehr Städte selbst auf Durchfahrtsstraßen den Verkehr. Rund 15 Südwest-Kommunen haben nach Angaben des Umweltbundesamts Tempo 30 an Hauptverkehrsstraßen eingeführt. Doch die Maßnahme ist umstritten. Fachleute sind uneins, ob der langsame Verkehr zur Senkung der Feinstaubwerte beiträgt. Der Automobilclub ADAC fürchtet, dass Abkürzungen durch Wohngebiete attraktiver werden. Trotzdem werden viele Kommunen gar keine Wahl haben: Das EU-Recht zwingt zu Tempolimits.

In der Tübinger Innenstadt müssen Autofahrer seit ein par Wochen den Fuß vom Gas nehmen. Ende November hat Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) Tempo-30-Schilder am Stadtring nördlich der Altstadt enthüllt - zum Ärger vieler Autofahrer. Prompt wurden Schilder demoliert.

Dabei ist die Stadt wegen EU-Rechts dazu gezwungen, das Regierungspräsidium hatte es durchgesetzt. "Wir hätten es ohne Anordnung des Regierungspräsidiums nicht gewagt", sagte OB Palmer. "Wir hatten keine Wahl", erklärte Carsten Dehner vom Regierungspräsidium Tübingen. "Wenn die Feinstaubwerte zu hoch sind, müssen wir etwas machen. Sonst besteht die Gefahr, dass die EU Strafzahlungen festsetzt."

Auch in Friedrichshafen gilt auf Hauptverkehrsstraßen Tempo 30 - allerdings nur nachts zwischen 22 und 6 Uhr. Der Verkehrslärm kommt vor allem von der B 31. Durch den Stadtteil Fischbach fahren beispielsweise täglich 20 300 Autos und 2400 Lastwagen. Die Stadt erhoffe sich vom Tempolimit eine merkliche Lärmminderung in der Nacht, heißt es aus dem Rathaus.

Auch im Regierungspräsidium Stuttgart gilt auf einigen Durchfahrtstraßen schon Tempo 30. Im Waiblinger Stadtteil Hegnach wurde das Tempo im Frühjahr gedrosselt, um die Anwohner vor dem Verkehrslärm zu schützen. 20 000 Fahrzeuge rollen Hochrechnungen zufolge täglich über die Straße, die Waiblingen mit Ludwigsburg verbindet. Weil jetzt langsamer gefahren wird, gebe es schon weniger Lärm, sagte Werner Nußbaum, Fachbereichsleiter der Stadt Waiblingen.

Karlsruhe hat bei zwei Durchgangsstraßen nachts Tempo 30 vorgeschrieben. Der Lärm dort sei nachweisbar geringer geworden. Auch Ulm bremst die Autofahrer während der Nacht an Lärmbrennpunkten ab. "Berichte von Anwohnern zeigen auf, dass sich die Wohnsituation in den entsprechenden Straßenabschnitten zumindest gefühlt deutlich verbessert hat", sagte eine Rathaussprecherin.

Auch in Heilbronn und Leonberg gibt es Tempo 30 vor allem wegen der Sicherheit. Für Leonbergs großes Feinstaub-Sorgenkind, die Grabenstraße, bringe ein solches Tempolimit nichts, machte die Stadtsprecherin deutlich. Dort staue sich die Luft zu stark. "Hier hilft eigentlich nur, wenn man direkt am Auto ansetzt und dessen Abgase reduziert." In Heilbronn gab es Überlegungen für Tempo 30 auf einer Hauptstraße, doch der Gemeinderat lehnte ab.

In Stuttgart dagegen beschloss das Kommunalparlament im Sommer, auf einem Teil der Bundesstraße 27 stadtauswärts Tempo 40 einzurichten. Außerdem ist eine dynamische grüne Welle für eine Verkehrsader der Innenstadt geplant, die Bundesstraße 14. Mit der soll das Tempo bei Bedarf gedrosselt werden. Die B 14 führt mitten durch Stuttgarts "Feinstaub-Hochburg" Neckartor. Ein "Flickenteppich verschiedener Geschwindigkeiten" mache aber keinen Sinn, betonte der Sprecher.

In Pforzheim ist man beim Thema Tempo 30 skeptisch. "Sofern das Thema Lärm auch anderweitig in den Griff gebracht werden kann oder Belastungswerte eher gering sind, sollte nicht unnötigerweise in den Verkehrsfluss eingegriffen werden", sagte ein Sprecher. Maßnahmen wie ein Flüsterasphalt seien "wesentlich wirkungsvollere Alternativen".

Tempo 30 gilt in Mannheim auf Hauptstraßen nur auf einzelnen Abschnitten - entweder aufgrund von Unfallgefahr oder schlechtem Fahrbahnzustand, sagte eine Stadtsprecherin. Die zweitgrößte Stadt im Südwesten sieht keinen Grund, Tempo 30 flächendeckend in der Stadt einzuführen, da die Tempo-30-Zonen bereits den größten Teil an kommunalen Straßen abdecken würden.

Auch der Automobilclub ADAC hat Bedenken. "Feinstaub muss heute für alles herhalten", sagte Reimund Elbe vom ADAC Württemberg. "Wir wollen doch gerade, dass sich die Verkehrsströme auf den Hauptstraßen bündeln und dass der Verkehr dort auch fließt." Bei Stop-and-go-Verkehr mit Tempo 30 auf der Hauptstraße werde es wieder attraktiver, Abkürzungen durch ein Wohngebiet zu fahren. "Man muss schauen, dass man nicht mehr Schaden anrichtet als dass man Gutes tut."

Unter Wissenschaftlern sind Tempolimits zur Feinstaub-Bekämpfung ohnehin umstritten. Die Landesumweltanstalt hat vorgerechnet, dass ein Auto mit 30 km/h im zweiten Gang oft mehr Schadstoffe ausstößt als mit 50 km/h im vierten oder fünften Gang. Nur die Reifen wirbeln bei höheren Geschwindigkeiten mehr Staub auf.

Verkehrs-Staatssekretärin Gisela Splett (Grüne) sieht deshalb Vor- und Nachteile. Beim Kampf gegen Lärm sei Tempo 30 ohne Frage sinnvoll, beim Kampf gegen Feinstaub sei die Lage nicht so eindeutig. Letztlich gelte: "Nur wenn durch das Tempolimit eine Verstetigung des Verkehrsflusses erreicht wird, führt dies in der Regel auch zur Reduzierung der Emissionen."

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