INFRA - signalrot, riesig, aber auch bruchstückhaft stand der Schriftzug im Vortragssaal der Industrie- und Handelskammer Ulm. Das passte perfekt zum Thema und Anliegen des Abends: Eingeladen hatte die bundesweite Initiative "Damit Deutschland vorne bleibt" und die wollte mit dieser Länderkonferenz dafür sorgen, dass sich Politiker, Verbände und Bürger gleichermaßen dafür stark machen, die Infrastruktur in Baden-Württemberg nachhaltig zu verbessern.

Statt INFRA hätte auch GELD da stehen können: Denn daran mangelt es an allen Ecken und Enden, nicht nur landes- sondern bundesweit. Konkret sind es mindestens 7,2 Milliarden Euro, die für den Erhalt von Straßen, Schienen und Wasserwegen in Deutschland fehlen. Das berichtete Karl-Heinz Daehre, CDU-Mann, ehemaliger Verkehrsminister aus Sachsen-Anhalt und Vorsitzender einer Experten-Kommission, die die Finanzierung der Verkehrswege auf stabile Füße stellen sollte. "Ein fehlender Euro vernichtet zwei Euro Vermögenswert." Allein Erhalt und Betrieb der Verkehrsinfrastruktur "ist eine Herkulesaufgabe", sagte er.

Baden-Württemberg ist da keine Ausnahme, bestätigte Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). "Es mangelt drastisch an Geld." Nötig sei aber nicht nur, das Vorhandene zu reparieren und auszubauen, sondern ein Mobilitätskonzept zu entwerfen, das allen Verkehrsteilnehmern gerecht werde, vom Autofahrer über den Fußgänger bis zum Radfahrer.

Wie unterschiedlich aus den jeweiligen Blickwinkeln die Begehrlichkeiten sind, wurde den 200 Teilnehmern der Länderkonferenz rasch klar: Bauwirtschaft und Busunternehmer fordern mehr Engagement für Erhalt und Ausbau der Straßen und Brücken. Verkehrsverbände und Deutsche Bahn sehen große Defizite im Schienennetz und dem Zustand vieler Bahnhöfe.

Die Bürger brechen das Infrastruktur-Problem noch auf einen kleineren Maßstab herunter: So beklagte ein Bürger aus Erbach, dass diese Stadt im Alb-Donau-Kreis am Durchgangsverkehr zu ersticken drohe. 20 000 Fahrzeuge pro Tag, darunter viele Lastwagen, müssten die Anwohner ertragen. Das bedeute dicke Luft und viel Lärm. Erbach liegt auf der Transitstrecke Ulm-Freiburg und werde von "Mautflüchtlingen", insbesondere aus Osteuropa genutzt, sagte der Bürger.

Viele Probleme seien längst erkannt, betonte Verkehrsminister Hermann. Deshalb habe er und seine Ressortkollegen aus den anderen Bundesländern vergangene Woche die Bundesregierung aufgefordert, einen Sonderfonds für Sanierungen einzurichten. Ob und bis wann dieser kommt, ist aber offen.

Wichtig sei es, da waren sich die Teilnehmer einig, möglichst rasch Geldquellen zu erschließen. An Ideen mangelte es nicht: Maut ausweiten auf alle Nutzer, also auf alle Lkw-Klassen, auf Pkw und Busse sowie auf Bundesstraßen. Auch höhere Fahrpreise im Öffentlichen Nahverkehr wären vertretbar, wenn sich so die Anbindung verbessere.

Um etwas zu bewegen, nütze es jedenfalls nichts, "sich im parteipolitischen Kleinklein zu verlieren", sagte der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD). Einen ähnlichen Rat gab Oliver Wolff, der Geschäftsführer der Initiative, allen Teilnehmern mit auf den Weg: "Auf Landesebene dürfen Sie sich alle streiten, so sehr sie wollen, aber wenn Sie nach Berlin kommen, dann müssen Sie einig auftreten, sonst werden sie zerpflückt." Denn das ist das Ziel dieser Länderkonferenzen: Ideen zu sammeln und diese im Herbst an die Bundesregierung zu übergeben.