5000 Einheimische leben im Hauptort der Stadt Meßstetten im Zollernalbkreis, umgeben von grünen Wiesen auf der Alb. Meßstetten ist nach eigenen Angaben die höchstgelegene Stadt im Land. Die Gemeinde hat ein paar Aushängeschilder: ein Museum für Volkskunst, Wanderwege, im Winter kommen Langläufer. Derzeit macht sie aber vor allem durch die Landeserstaufnahmestelle (Lea) für Flüchtlinge Schlagzeilen.

Mehr als 1000 Asylbewerber leben hier - jeder sechste Bewohner ist jetzt also Flüchtling. Axel Leukhardt kennt sie längst nicht alle. "Es herrscht ständiger Durchlauf", sagt der 51-jährige Streetworker. Leukhardt ist Vermittler, das menschliche Stimmungsbarometer. Er spricht mit den Flüchtlingen, hört der Bevölkerung zu. "Mein Job ist, zu gucken, dass eine möglichst positive Stimmung herrscht", sagt er.

Keine einfache Aufgabe. Ortstermin, 14.30 Uhr, im Wildgehege. Jörg Hohmann ist aufgebracht. "Hier passieren Dinge, die wir nicht tolerieren können", sagt der 73-Jährige. Das Gehege ist wenige hundert Meter von der Lea entfernt. Hier leben Zwergziegen, Wildschweine, Pfauen. Neben der Feuerstelle liegt ein Spielplatz, ein paar Kinder füttern gerade Ziegen durch den Zaun.

Sechs junge Männer aus dem Nordirak sitzen an der Feuerstelle, die Sonne scheint. Sie grillen Gemüse und Hähnchen auf dem Schwenkgrill, trinken Bier aus Pappbechern. "Wir machen sauber und gehen", sagt einer von ihnen in gebrochenem Englisch. Leukhardt setzt sich dazu, hält einen Plausch. Und er betont, dass aufgeräumt werden muss, dass die Wildgehege tabu sind. "Kein Problem, kein Problem", sagt der Jeside.

Hohmann gestikuliert, zeigt auf den beschädigten Zaun, berichtet von nächtlichen Kletteraktionen in Gehegen. "Verbotsschilder möchten wir alle nicht", sagt er. Die Anlage sei auch für Flüchtlinge da. Aber zerstörte Zäune und überfüllte Mülleimer will er nicht hinnehmen. "Wir wollten, dass Familien mit Kindern frische Luft haben. Und nicht, dass junge Männer Partys feiern und als Akrobaten über den Zaun gehen." Leukhardt hört zu, will die Wogen glätten. "In der Lea gibt es keine Grillstelle", erklärt er. Auch der Lea-Leiter hat sich Zeit genommen. "Sie haben 1000 neue Bewohner nebenan", sagt Frank Maier. Die Polizei soll zusätzlich Streife fahren, vereinbaren die Männer. Es sollen mehr Schilder und Mülleimer aufgestellt werden. "Wir wollen ein gutes Miteinander", sagt Maier.

Im Oktober 2014 sind die ersten Flüchtlinge in die frühere Bundeswehrkaserne auf der Zollernalb eingezogen. Viele Bürger helfen. Im Begegnungszentrum gibt es einen Kicker und eine Spielecke, die Stimmung ist friedlich. Knapp 100 Ehrenamtliche engagieren sich hier, bieten Musikabende, Sprachkurse, auch der Schachverein mischt mit. "Das Engagement ist enorm", sagt Leukhardt. Die Helfer nehmen kaum noch Kleiderspenden an. "Wir haben so viel", sagt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin.

Doch es gibt Reibungspunkte. Derzeit kommen wieder viele Neuzugänge. Die Temperaturen steigen, die Abende werden länger. Um 17 Uhr endet der Betrieb in der Begegnungsstätte. "Dann gehen viele ins Gelände, in die Wiese", sagt Leukhardt. In der Lea dürfen sie keinen Alkohol trinken. "Es ist teils angespannt." Die Flüchtlinge bestimmen jetzt das Straßenbild in der kleinen Gemeinde. Der eigentliche Treffpunkt für viele ist der örtliche Discounter. Iraker, Syrer, Somalier - sie sitzen in Gruppen auf der Wiese, unterhalten sich, essen, direkt an der Gemeindestraße. Die Stadt sucht händeringend einen Standort für einen WC-Container.

Daniel Gormey sitzt auf dem Gras. Wie jeden Tag isst er sein Leibgericht: rohes Gulaschfleisch mit Brathähnchengewürz, dazu Bier aus der Plastikflasche. "Ich genieße das", sagt er und lacht. Der 22-Jährige kommt aus Eritrea. Er war drei Tage auf einem Boot im Mittelmeer, riskierte sein Leben auf der Flucht aus der Diktatur. Es gefällt ihm hier. "Frieden, das ist gut", sagt er.

Bisher sei in Meßstetten nichts passiert, sagt Leukhardt. Laut Polizeiangaben gibt es nicht mehr Straftaten als in einem 1000-Einwohner-Stadtteil üblich. Nur die Ladendiebstähle seien drastisch gestiegen: 146 waren es laut Tuttlinger Polizei in den ersten vier Monaten des Jahres - im Vorjahreszeitraum ganze 15. Vor dem Supermarkt im Ort steht ein Sicherheitsmann.

"Es gibt viele kritische Bürger, die warten nur darauf, dass was passiert", sagt Leukhardt. Um dann zu sagen, sie hätten es ja gewusst. Zweimal pro Woche bietet der Streetworker eine Bürgersprechstunde an. Wochenlang ließ sich kein Mensch blicken. "Da ist irgendwie eine Hürde bisher", sagt er. Manchmal bekommt er Beschwerdebriefe.

"Es ist das Bild, das in Deutschland ungewohnt ist": Leute, die auf der Wiese sitzen, Bier trinken, essen. "Aber in anderen Ländern ist das normal um die Mittagszeit." Leukhardt glaubt nicht, dass das kleine Meßstetten überfordert ist mit seinen neuen Nachbarn. "Mit gutem Willen ist das machbar", sagt er. Die Lea ist eine vorübergehende Lösung, Ende 2016 soll sie schließen. "Ich hab immer die Meinung vertreten, dass wir dem Land helfen, den Zeitraum zu überbrücken", sagt Bürgermeister Lothar Mennig. "Bei dem Druck können wir gar nicht anders, als zu helfen."

Drei Aufnahmestellen

Verteilung Laut Prognosen kommen 2015 mehr als 400.000 Asylbewerber nach Deutschland, auf Baden-Württemberg entfielen rund 52 000 Flüchtlinge. Der Aufenthalt in Landeserstaufnahmestellen (Lea) soll auf wenige Wochen beschränkt sein. Dann geht die Reise weiter, zu Unterkünften in den Stadt- und Landkreisen. Drei Lea gibt es derzeit im Land: in Karlsruhe, Ellwangen und Meßstetten.