Stuttgart / ANDREAS MAISCH MARVIN OPPONG In Stuttgart und Mannheim kommt es zu den meisten Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund, im Hohenlohekreis sind es am wenigsten. Der Zollernalbkreis liegt bei den Gewalttaten im Vergleich vorn.

Es ist Abend und der Rechtsextreme ist schon betrunken, als er in eine S-Bahn steigt. In der Bahn sieht er einen Migranten auf einem Sitz liegen. Dann tritt er diesem mit dem Fuß gegen das Bein. Wenn es noch schlimmer kommt, tritt der Rechtsextreme seinem Opfer gegen den Kopf und verletzt es schwer. So schildern Beamte des Landeskriminalamts (LKA) einen beispielhaften Fall rechtsextremer Körperverletzung.

Solche Taten nehmen zu: In Baden-Württemberg sind 2012 elf Prozent mehr rechtsextreme Straftaten begangen worden als 2011. Aber wie verteilen sich die 1112 Fälle auf das Land? Die SÜDWEST PRESSE hat recherchiert, wie viele Straf- und Gewalttaten die Stadt- und Landkreise hatten und mit Statistiken des LKA und des Statistischen Landesamts berechnet, wie viele Straftaten es pro Einwohner waren. Auffällig: Bei den rechtsextremen Straftaten liegt Stuttgart mit deutlichem Abstand auf Platz eins, und das nicht nur in absoluten Zahlen. Acht Mal begingen Rechtsextreme in Stuttgart im vergangenen Jahr nach den LKA-Statistiken Gewalttaten. "Sorgen macht uns - unabhängig von der konkreten Opferzahl - nicht nur die Stadt Stuttgart, sondern vor allem auch der Großraum um Stuttgart und andere Großstädte wie Mannheim", sagt Timo Reinfrank von der Amadeu-Antonio-Stiftung aus Heidelberg, die Projekte gegen rechte Gewalt unterstützt.

Noch deutlicher wird Stuttgarts Stellung, wenn man alle Straftaten - nicht nur Gewalttaten - zählt: Mit 0,216 rechtsextremen Straftaten pro tausend Einwohner liegt die Landeshauptstadt im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich vor allen anderen Kreisen. Auf den Plätzen zwei und drei folgt der Bereich des Polizeipräsidiums Mannheim sowie der der Pforzheimer Polizeidirektion, also die Stadt Pforzheim und der Enzkreis. Göppingen liegt an vierter Stelle. "Göppingen hat sich innerhalb nur eines Jahres zu einem strategischen Agitations-, Rekrutierungs- und Rückzugsraum der rechten Szene entwickelt", sagt Reinfrank. In Tübingen und Reutlingen hätten sich mehrere rechtsextreme Gruppierungen angesiedelt, die von dort aus agierten. Im "Ring nationaler Frauen" würden sich weibliche Neonazis organisieren und den kommunalen Unterbau der Partei NPD stützen.

Das Landeskriminalamt beobachtet insbesondere die Gruppe der rechtsextremen Autonomen Nationalisten in Göppingen aufmerksam. "Deshalb bauen die Kollegen in Göppingen einen entsprechenden Verfolgungsdruck auf", sagt Karl-Heinz Ruff, Leiter der Abteilung Staatsschutz des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. "Da die Zählung der Straftaten sich nach dem Tatort richtet, müssen die Täter nicht automatisch aus derselben Stadt kommen, in der die Tat verübt wurde." Die Landeshauptstadt etwa habe wesentlich mehr Demonstrationen als andere Städte. Dadurch komme es dort häufiger zu gewalttätigen Auseinandersetzungen der unterschiedlichen politischen Lager.

Die Liste der rechtsextremen Delikte ist lang: Propagandadelikte, Volksverhetzung, Sachbeschädigung und Körperverletzung, um nur die häufigsten zu nennen. "Propagandadelikte wie Hakenkreuzschmierereien und der Hitlergruß machen etwa 70 Prozent der rechtsextremen Delikte aus", sagt Ruff.

Die wenigsten Straftaten geschahen 2012 im Hohenlohekreis, in dem auf tausend Einwohner nur rund 0,019 Straftaten entfielen. Im Schnitt verübt also ein Einwohner Stuttgarts mehr rechtsextreme Straftaten als zehn Bewohner des Hohenlohekreises zusammen. Der Stadtkreis Ulm und der Alb-Donau-Kreis liegen mit 0,079 Straftaten pro Einwohner im hinteren Mittelfeld, näher am Hohenlohekreis als an Stuttgart.

Im Zollernalbkreis schlugen Rechtsextreme im vergangenen Jahr am häufigsten zu: Mit vier Gewalttaten liegt der Kreis nach Stuttgart bei den absoluten Zahlen auf Platz zwei. Bei der rechtsextremen Gewalt pro Einwohner liegt der Zollernalbkreis auf Platz eins. Zwar können bei den insgesamt wenigen Gewalttaten selbst kleine Schwankungen viel an der Rangfolge verändern, doch der Zollernalbkreis lag schon 2011 an der Spitze in Baden-Württemberg.

Reinfrank von der Amadeu-Antonio-Stiftung fordert das Land auf, mehr gegen Rechtsextremismus zu tun. "Trotz einer steigenden Opferzahl in den letzten Jahren", sagt er, "gibt es im Gegensatz zu anderen Bundesländern bisher keine professionelle Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt."

Bundesweite Zunahme