Christoph Ingenhoven zückt sein Handy und macht ein Foto. Kein Selfie, nein, ein normales Foto. Hätte er aber ein Selfie gemacht, wäre es gewissermaßen ein Familienbild geworden. Denn was Ingenhoven da ablichtet, ist ja praktisch sein Baby. Ein sehr, sehr kleiner Teil seines Babys zwar, aber eben erstmals etwas, das mehr ist als eine große Baugrube. Ein Bauteil, etwas, das man vorzeigen kann. Oder eben selber bestaunen, wenn man der Architekt des neuen Stuttgarter Bahnhofs ist.

Die Geschichte, wie Christoph Ingenhoven einen Teil einer so genannten Kelchstütze betrachtet, spielte Anfang September auf dem Baufeld des Hauptbahnhofs. Der Pressesprecher des Bahnprojektes Stuttgart–Ulm, Jörg Hamann, erzählte sie am Dienstag bei der Präsentation des Musterteils einer solchen Kelchstütze. Sie sollen später das Dach des Bahnhofs tragen und zudem die Lichtaugen, durch die Tageslicht in den Bahnhof einfällt.

28 dieser Kelchstützen werden im Stuttgarter Bahnhof stehen, 27 von ihnen mit Lichtaugen. Ein Achtel von einer dieser Stützen war am Dienstag erstmals zu sehen. 70 Kubikmeter geschwungener Stahlbeton. Man erkennt Krümmungen, kann Linien folgen und erahnen, wie sich am oberen Ende einmal eine hufeisenähnliche Öffnung für die Fenster auftun soll. Noch ist es eher ein Stützchen in der Grube. Wenn der Bahnhof aber fertig ist, soll es stabiler Träger, aber auch optischer Hingucker sein. Schon jetzt gibt es dem Großprojekt ein wenig mehr Kontur und nimmt ihm etwas von seiner Abstraktheit.

„Es ist eine Meisterleistung, ein Kunstwerk“, jubilierte Bernd Hillemeier, emeritierter Professor der Technischen Universität Berlin und Vorsitzender des Projektbeirats von Stuttgart 21. Mit einer speziellen mit Hüttensand – einem Nebenprodukt der Roheisenherstellung – angereicherten Rezeptur soll der Weißbeton in Kombination mit dem verbauten Stahl besonders widerstandsfähig sein.

In den vergangenen Wochen haben die Verantwortlichen das Muster der Kelchstütze getestet – hinsichtlich ihrer Festigkeit, Farbe und Oberflächenbeschaffenheit. Architekt Ingenhoven zeigt sich grundsätzlich sehr zufrieden mit der Form, einem Großteil der Fugen sowie der Bewehrung aus Stahlbeton. „Das kommt sehr nah an das heran, wie ich mir das vorstelle.“ Lediglich bei Oberflächenbeschaffenheit und Farbe sieht er noch Nachholbedarf. Vieles werde da aber auch auf den weiteren Trocknungsprozess des Betons ankommen, sagt er.

Ursprünglich war der Bau eines Musterteils gar nicht angedacht gewesen. Gemeinsam mit Manfred Leger, dem Geschäftsführer des Bahnprojektes Stuttgart–Ulm, habe man sich aber vor einem Jahr dazu entschieden. „Zum Glück“, wie alle Beteiligten am Dienstag einhellig sagten. „Wir lernen da alle dazu“, sagte Ingenhoven hinsichtlich der Umsetzung der von ihm erdachten Architektur. Die sei eine große Herausforderung für alle Beteiligten, sagte Betonspezialist Hillemeier.

Dass die gesamte Konstruktion am Ende auch trägt – auf das Dach der 420 Meter langen Halle kommt eine mindestens ein Meter dicke Schicht Erdreich dort, wo Bäume stehen, und sonst Beton, der später den Straßburger Platz bildet –, dafür zeichnet Ingenieur Werner Sobek mit seinem Team verantwortlich. Sie berechneten die Statik des Gebäudes. Sobek präsentierte am Dienstagabend im Rahmen einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „FaSzination 21“ Koordinatenbilder der Kelchstützen. Etwas Vergleichbares gebe es auf der Welt in architektonischer Hinsicht nicht.

Zwei bis drei Monate wird die Produktion einer Kelchstütze dauern: Bis zu 500 Kubikmeter gekrümmter und geschwungener Stahlbeton pro Stütze, neun bis zwölf Meter hoch, maximal 27 Meter Durchmesser, 36 Meter von Kelch zu Kelch. Kommendes Jahr soll die erste von ihnen stehen. Dass Ingenhoven generell mit dem Musterteil zufrieden ist, sei ein „Meilenstein für das Projekt“, sagt Bahnprojekt-Chef Leger.

Und dem Architekt selbst war auch bei der dritten Begegnung mit dem Muster seiner Stützen die Begeisterung noch immer anzusehen. Ein weiteres Foto hat er am Dienstag zwar nicht gemacht. Dafür habe er sich aber gefühlt „wie Franz Becker nach dem Gewinn der WM auf dem Rasen in Rom“. Und das Bild passt ja auch irgendwie, beschreibt Ingenhoven die von ihm designten Stützen doch als „ ein umgekehrtes Münchner Olympiastadion“.

Intensiver Prozess

Städtebau Bei seinem Besuch in Stuttgart mahnte Architekt Christoph Ingenhoven, dass man in der Landeshauptstadt über den Bau des Bahnhofs hinaus schauen müsse. Man müsse die Diskussion über die Nutzung der entstehenden Flächen der jetzigen Gleisanlagen intensivieren, sagte er. Dazu sei er mit OB Fritz Kuhn bereits zu Gesprächen zusammengekommen. Das wird „ein intensiver Prozess“ in den kommenden Jahren, prophezeite er. In die gleiche Kerbe schlug auch Ingenieur Werner Sobek.