Südwest-Großstädte Studie: Zuzug in Südwest-Städte lahmt

Wohnquartier in der Stuttgarter Innenstadt. Der Wohnungsmangel bremst das Großstadt-Wachstum.
Wohnquartier in der Stuttgarter Innenstadt. Der Wohnungsmangel bremst das Großstadt-Wachstum. © Foto: Franziska Kraufmann/dpa
Stuttgart / Von Alfred Wiedemann 16.06.2018

Raus ins Grüne oder rein in die Städte? Der Trend zuletzt war klar. Großstädte lockten! Das ändert sich.  Das zeigt eine Untersuchung des Statistischen Landesamtes. Werner Brachat-Schwarz hat unter die Lupe genommen, wer zwischen 2010 und 2016 in die neun Südwest-Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern gezogen ist. Und wer weggezogen ist.  „Lange haben Großstädte überdurchschnittlich von der Zuwanderung profitiert“, sagt der Referatsleiter der Statistikbehörde. „Das schwächt sich ab.“ Die Gründe: hohe Mieten und fehlende Wohnungen.

Es gibt Großstädte mit sehr angespanntem Wohnungsmarkt und welche, wo es noch nicht so brennt. Ermittelt wird das, indem man die Zahl der Haushalte und den Bestand an Wohnungen gegenrechnet. Das hat Unschärfen, sagt Brachat-Schwarz. Aber das Resultat ist klar: Heilbronn, Reutlingen und Ulm, nach dieser Rechnung in etwa mit ausgeglichenem Wohnungsmarkt, liegen vorn beim Wanderungssaldo. Sie verbuchten zuletzt noch immer mehr Zuzüge als Wegzüge.

Beim Wanderungssaldo, der Differenz zwischen Zu- und Fortzügen, meldet Ulm ein Plus von 224 Prozent, wenn man die beiden Zeiträume 2010 bis 2012 und 2013 bis 2016 vergleicht. Reutlingen kommt auf +217, Heilbronn auf +123.

Karlsruhe, Heidelberg und auch Stuttgart dagegen stehen schlechter da mit Wohnungen.  Diese Großstädte hatten zuletzt auch klar weniger Zuwächse bei Zuzügen, wenn die Zeiträume 2010-2012 und 2013-2016 verglichen werden: +50 Prozent ist der Wert in Karlsruhe, +82 Prozent in Heidelberg und +54 Prozent in Stuttgart. Freiburg, Schlusslicht bei der Wohnungsversorgung,   hatte zwischen 2013 und 2016 als einzige Großstadt sogar geringere Wanderungsgewinne als in den Jahren davor.

In kleineren Kommunen und im Umland ist die Wohnungsnot nicht so extrem, deshalb konnten sie zuletzt mehr zulegen als die Großstädte, wenigstens prozentual. Die Zahlen: Alle neun Südwest-Großstädte haben zwischen 2013 und 2016 insgesamt ein Wanderungsplus von  90 542 Einwohnern verbucht. Gegenüber 2010 bis 2012 bedeutet das ein Plus von „nur“ 60 Prozent. In den übrigen Südwest-Gemeinden lag die Zunahme bei 365 Prozent.

Ausländer haben insgesamt einen deutlichen Anteil am Einwohnerplus im Südwesten. Nimmt man nur Zu- und Wegzüge deutscher Staatsangehöriger, hatten 2013 bis 2016 sieben der neun Großstädte sogar ein Minus. Nur Karlsruhe und Heidelberg kommen bei diesem Saldo auf ein kleines Plus. Außerdem war der Wanderungsgewinn bei den Ausländern – relativ betrachtet – in Großstädten geringer als im übrigen Land. Ausnahmen: Pforzheim und Heilbronn.

Ist der Trend in die Großstädte also vorbei? Der Zuzug – verglichen mit den übrigen Kommunen – jedenfalls hat sich deutlich abgeschwächt, sagt Brachat-Schwarz. Pauschal habe es den  Trend in Baden-Württemberg ohnehin nicht gegeben: „Vor allem junge Erwachsene, die Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen,  zog und zieht es in die Großstädte.“ Familien dagegen lockte und lockt das Umland. Und Ältere ziehen sowieso die landschaftlich schönen Gegenden vor wie die Bodenseeregion.

Groß und klein in Baden-Württemberg

11 Millionen Einwohner leben in den 1101 Gemeinden Baden-Württembergs, vier Millionen mehr als vor 65 Jahren.

9 Kommunen sind Großstädte, sie haben mehr als 100 000 Einwohner. Jeder fünfte lebt im Südwesten nach Angaben des Statistischen Landesamtes in einer Großstadt.

73 Gemeinden im Südwesten haben  weniger als 1000 Einwohner. Böllen im Schwarzwald mit seinen rund 100 Einwohnern ist die kleinste. eb

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