Stuttgart Streit um Homosexualität als Thema im neuen Bildungsplan

Stuttgart / FABIAN ZIEHE 10.01.2014
Soll sexuelle Vielfalt künftig Thema im Unterricht sein? Und wenn ja: wie prominent? Die Landtagsfraktionen streiten, angeheizt durch eine Petition. Für noch mehr Zunder sorgt eine Lehrer-Veranstaltung morgen.

Das 32-seitige Papier ist nüchtern verfasst, zeigt sperrige Tabellen. Ein sprödes ministeriales Konzept zu Leitprinzipien der Bildungsplan-Reform 2015 - doch sorgt es für heftigen Krach im Südwesten. Der Text erklärt, Schüler sollten künftig lernen, "Differenzen zwischen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und sexuellen Orientierungen" wahrzunehmen. Ziel sei, sich "für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen zu können".

Diese Stellung von Homo- und Transsexualität im Curriculum missfällt der Landtagsabgeordneten Sabine Kurtz (CDU). Das Thema komme einem sechsten "Querschnitts-Leitprinzip" gleich und sei viel zu prominent vertreten (siehe Infokasten). Dabei sei das Thema schon im bisherigen Bildungsplan enthalten: "Das war so offen formuliert, dass man sexuelle Vielfalt im Unterricht aufgreifen konnte - wenn auch nicht musste", so die Bildungspolitikerin. Der Lehrer müsse entscheiden können, ob das Thema sinnvoll thematisiert werden kann - etwa in einer Klasse mit vielen muslimischen Kindern.

Kurtz stimmt somit prinzipiell einer Online-Petition zu, die seit Ende November 2013 gegen das Konzept trommelt und unter der Überschrift "Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens" mittlerweile fast 70 000 Unterstützer hat (wir berichteten). Auch FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke hält die Stoßrichtung der Initiative des Realschullehrers Gabriel Stängle aus Rohrdorf (Kreis Calw) für richtig. "Ich würde sie allerdings differenzierter sehen, die Wortwahl würde ich nicht unterschreiben", sagte Rülke. Er wünscht sich - wie auch Kurtz - weiter einen Schwerpunkt auf heterosexuelle Beziehungen und Ehe. "Das andere sind auch akzeptierte Lebensformen - die bevorzugte sollte aber die Familie sein." Dass fundamentalistisch-christliche und rechtspopulistische Kreise die Petition mit Parolen und Diffamierungen begleiteten, müsse man bei einer kontroversen Diskussion "aushalten", sagt Rülke.

Stefan Fulst-Blei, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, ist indes erschüttert über die Hasstiraden, die im Dunstkreis der Petition geäußert werden: "Sie skandalisiert und bauscht auf - mich macht das sehr traurig." Auch er muss das Thema nicht so prominent im Bildungsplan positioniert sehen, doch will er es klarer angesprochen wissen. Der gelernte Berufsschullehrer weiß aus der Praxis, wie schwer es homosexuelle Jugendliche in der Schule haben - dafür müsse die Lehrerausbildung sensibilisieren.

Noch deutlicher wird Landtags-Vizepräsidentin Brigitte Lösch. "Ich bin sehr erstaunt, mit welchem Fanatismus auf das Thema reagiert wird", sagt die Sprecherin der Grünen-Fraktion in Sachen Lesben, Schwule und Transgender. "Für mich haben alle Lebensformen den gleichen Stellenwert - auch im Bereich der Ehe." Die gesellschaftliche Realität müsse auch in den neuen Bildungsplänen zu finden sein.

"Erschrocken" sei Lösch zudem, dass CDU-Kollegin Kurtz am morgigen Samstag auf einer Veranstaltung der Evangelischen Lehrer- und Erziehergemeinschaft auftreten wird, bei der neben Petitions-Initiator Stängle auch die Kinder- und Jugendmedizinerin Christel Vonholdt auftritt. Sie bietet Therapien für Homosexuelle an - um diese davon zu "heilen". Oliver Hildenbrand, Landeschef der Grünen hat als Psychologie-Student sich mit solchen "Umpolungs-Therapien" beschäftigt, die aus seiner Sicht "brandgefährlich" sind. "Solche Therapieangebote könne im Selbstmord enden - das ist eine echte Gefährdung gerade für Jugendliche", sagt er. Die CDU solle sich davon distanzieren.

Kurtz hält an dem Auftritt fest. Sie könne einen Umgang mit Homosexualität als Krankheit zwar "nicht nachempfinden", doch sei Vonholdt eine anerkannte Expertin. Auch Stängle sei ein honoriger Pädagoge. Beide kenne sie nicht persönlich. "Und die Teilnahme an einer Veranstaltung heißt ja nicht, dass man einer Meinung sein muss."

Leitplanken für alle Schulen
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