Historie Stolze Villen und leere Fabriken

Von Kathrin Kammerer 06.09.2018

Peter Lang weist auf die Wände der Bahnhofshalle: Auf der einen Seite sind Näher zu sehen, auf der anderen Waagen-Bauer. Textil und Metall, das waren die starken Branchen in den Albstadt-Teilorten entlang der Schmiecha, sagt der 73-Jährige. Lang beginnt wegen dieser Wandmalerei daher seine Führung auch gern am Ebinger Bahnhof.

Lang war 23 Jahre Stadt­archivar von Albstadt, das 1975 aus dem Zusammenschluss von Ebingen, Tailfingen, Onstmettingen und Pfeffingen entstanden ist. Seit neun Jahren im Ruhestand, lässt den Historiker sein Beruf nicht los.

Die jüngere Geschichte von Ebingen und Tailfingen ist eben geprägt von Textil und Metall. Auf den kargen Böden der Schwäbischen Alb war Landwirtschaft nicht sehr ertragreich, die Menschen in den Dörfern des heutigen Zollernalbkreises lebten im 19. Jahrhundert nicht gerade im Überfluss. Es war der Bahnhofsneubau 1878, der zumindest für Ebingen die Wende brachte. Mit der Zollernbahn kamen Maschinen und Material, Investoren und Arbeiter. Ebingen wurde zu einem Zentrum der Textilindustrie. Eine Branche, die die Stadt ein Jahrhundert lang prägte. Textil-Firmen gibt es heute nur noch „eine Hand voll“, Metallfirmen dagegen noch viele.

Vom Zeugweber (feste Stoffe) bis zum Tuchweber (weiche Stoffe), vom Strumpfwirker (Hersteller von Maschenwaren wie Strümpfe und Socken) bis zum Bleicher: „Schon im 18. Jahrhundert arbeiteten extrem viele Menschen in Ebingen und der Umgebung in der Textilbranche“, sagt Lang.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gab es erstmals eine große Nachfrage nach Baumwollunterwäsche. Dann kam der Bahnhofsbau, und Ebingen wurde rasant industrialisiert. „Mehrere dutzend Leute aus der Umgebung zogen damals jeden Tag zum Arbeiten in die Stadt“, sagt Lang. Sie schliefen auf Dachböden, dann entstanden ganze Arbeitersiedlungen: „Ebingen war damals eine riesige Dauerbaustelle.“ Bis zum Ersten Weltkrieges explodierte die Bevölkerung: Hatte der Ort 1820 noch 4126 Einwohner, waren es 1910 schon 11 423. In Tailfingen, das sich neben Ebingen zum Zentrum der Textilindustrie im Zollernalbkreis entwickelte, verdoppelte sich zwischen 1871 und 1910 die Einwohnerzahl auf 5412.

Nicht nur der Bahnhof erinnert in Ebingen an die Vergangenheit. Die angrenzenden Straßen sind von prächtigen Villen gesäumt. Jahreszahlen über dem Eingang zeugen vom großen Bau-Boom Ende des 19. Jahrhunderts. Auch das Rathaus und die Kirche stammen aus dieser Zeit, in der die Stadt sich viel leisten konnte, sagt Lang.

Als die Alliierten im Ersten Weltkrieg den Baumwoll-Import blockierten, wurde das Rohmaterial für die Ebinger Firmen knapp. Erst in den 1920er-Jahren erholte sich die Industrie wieder: 1928 gab es in Ebingen 23 Trikotwarenfirmen mit rund 4500 Arbeitern, sagt Stadtarchivarin Dorothea Reuter, die Nachfolgerin von Lang. Trikotagen  sind gewirkte und gestrickte Stoffe, also Maschenwaren. Außerdem stellten drei Firmen Cordsamt her. 1500 Menschen waren hier beschäftigt.

Die Spurensuche führt Lang auch zum alten Haux-Fabrikgebäude, keine drei Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Der fünfstöckige, braune, etwas brachial wirkende Bau, beherbergte die  größte Trikotwarenfirma. 1885 von Friedrich und Reinhold Haux gegründet, war es schnell „die Nummer eins“ in Ebingen.

Der 73-Jährige zeigt auf die großen Fenster: „Man hat viel Licht benötigt bei dieser Arbeit.“ Rund 800 Menschen arbeiteten zu Hoch-Zeiten hier. Direkt neben seiner Fabrik ließ Friedrich Haux, der seine Firma nach dem Ausstieg des Bruders bald allein führte, 1885 eine Villa bauen. Als er genug Geld hatte, wollte er eine noch größere Villa bauen, die alte aber nicht abreißen. Also wurde das Fundament ausgegraben und das Gebäude auf die andere Straßenseite verfrachtet. „Das war damals gar nicht so unüblich“, sagt Lang. Dann baute Haux 1908 eine prunkvollere Villa.

Ins neuere Gebäude ist mittlerweile eine Steuerkanzlei eingezogen, ins ältere eine Kneipe. Man hat neue Nutzungsmöglichkeiten gefunden für viele alte Gebäude Ebingens. Historiker Lang scheint es zwar manchmal ein wenig zu schmerzen, wenn „Spielhöhlen“ in ehemalige Fabrikanten-Villen einziehen, sie leer stehen oder gar verfallen. Aber noch mehr würde ihn der Abriss schmerzen.

Stolz auf die Vergangenheit

„Eigentlich sind die Ebinger stolz auf ihre Vergangenheit“, sagt er. „Aber der Niedergang tut ihnen auch noch weh.“ Dieser Niedergang begann nach dem deutschen Wirtschaftswunder. 1960 arbeiteten in Ebingen noch fast 6000 Menschen in 47 Trikotwarenfirmen, so Stadtarchivarin Reuter. Dann wurde an den Rändern Europas billiger produziert. Energiekrise, Umweltschutzauflagen und gesteigerte Produktionskosten taten ihr Übriges: Eine Firma nach der anderen schloss. Viele Menschen wurden arbeitslos und zogen um, die Einwohnerzahl sank ab 1970.

Zwei Betriebe, die das Firmensterben überlebt haben, sind die Unterwäsche-Hersteller Comazo und Mey. Beide produzierten zuerst ein breites Sortiment an Textilien, dann nur noch hochwertigere Unterwäsche. „Man musste sich spezialisieren, um nicht bankrott zu gehen“, sagt Lang.

In die ehemalige Haux-Fabrik ist die Hochschule Albstadt-Ebingen eingezogen. Hier lernen, wohnen und feiern heute Studenten. Ein bisschen Textil liegt auch in dem 105 Jahre alten Gebäude bis heute noch in der Luft: Seit ihrer Gründung 1971 kann man an der Fachhochschule Albstadt-Sigmaringen nämlich unter anderem Textil- und Bekleidungstechnologie studieren. Rund 300 Studenten tun das aktuell – sie stehen in einer großen Tradition.

Über Maschinen und Modegeschichte

Das Maschenmuseum in Tailfingen (Wasenstraße 10) zeigt die Geschichte der Textilindustrie im Raum Albstadt von 1750 bis heute: Von der bäuerlichen Selbstversorgung bis zur modernen Produktion. Die Schau ist im ehemaligen Gebäude der Textilfabrik Meyer & Cie.  Alte Maschinen können besichtigt werden. Außerdem werden 100 Jahre Modegeschichte gezeigt, es gibt viele Fotos und Videos. Das Museum ist mittwochs, samstags, sonntags und feiertags von 14 bis 17 Uhr geöffnet (Eintritt: 2 Euro). kk

Zwei Textil-Zentren
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