Kindesmissbrauch  Staufen: Wie ein Psychologe Ermittlern hilft

Staufen/Freiburg / Wulf Rüskamp 20.06.2018
Wie verarbeiten Ermittler schreckliche Details in Missbrauchsfällen? Ein Psychologe versucht, ihnen dabei zu helfen.

Wer die Gerichtsverhandlungen im Staufener Missbrauchsfalls verfolgt, kann erleben, wie Polizistinnen und Polizisten im Zeugenstand bei ihrer Aussage ins Stocken geraten, wie sie Sachverhalte nicht benennen, sondern nur umschreiben. Man spürt, wie sehr sie die Taten der Mutter des neunjährigen Opfers und ihres Lebensgefährten belasten. Psychologische Unterstützung erfahren sie durch   Isaac Bermejo Bragado, der an der Universität Freiburg Supervisionsdienste anbietet.

Was bewirkt in diesem Fall, dass  Kripobeamte, die doch Gewalt genug kennen, so große Schwierigkeiten haben?

Isaac Bermejo Bragado: Das ist sicher das Ausmaß der Taten.  Hier ist über Jahre hinweg ein Kind missbraucht worden. Verschärft wird das dadurch,  dass die Taten von den Eltern, also der Mutter und dem als Stiefvater auftretenden Lebensgefährten, begangen worden sind – das schafft eine besondere Betroffenheit.  Eltern sind Urvertrauenspersonen. Und hier ist gerade die Person, die das Kind schützen soll, die Mutter, diejenige, die nicht nur wegschaut, sondern  den Missbrauch sogar mit begeht. Dazu kommt die  Menge an Datenmaterial, das die Polizisten  sich anschauen und auswerten müssen, verbunden mit den Exzessen, die gezeigt werden. Es ist unglaublich, welche Gewalttaten darauf zu sehen sind – da kommen auch erfahrene Ermittlerinnen und Ermittler an ihre Grenzen, an denen sie sagen: Es geht nicht mehr.   Das kann ich nicht mehr einfach wegschieben, das greift mich an.

Haben sich Ermittler von sich aus an Sie gewandt?

Die Leitung des Freiburger Polizeipräsidiums hat gemerkt, dass dieser Fall das Normale, im Dienst zu Verarbeitende  übersteigt. Ich mache solche Beratungsangebote schon seit Jahren für die Polizei. Hier aber war der Sonderfall, dass schon während der Ermittlungen den Mitarbeitern  die Hilfe durch die Psychosoziale Beratung des Polizeipräsidiums angeboten und der Kontakt zu mir hergestellt wurde. Und zwar nicht, um die Polizisten  abzuhärten, sondern damit sie  mit den Belastungen durch die schrecklichen Bilder  klarkommen, ohne daran kaputtzugehen. Die Ermittler haben dann rasch gemerkt, dass dieses Angebot hilft.

Was genau beschäftigt die Ermittlerinnen und Ermittler  weiter?

Wir suchen  innerhalb unseres Weltbilds, unseres Wertesystems eine Erklärung für die Taten. Aber das funktioniert nicht. Um  die Kontrolle über unsere Gefühle angesichts solcher Verbrechen zu gewinnen, versuchen wir sie aus unserer Perspektive zu sehen. Doch der richtige Zugang ist, sie als etwas nicht Normales zu begreifen, das wir nicht mit unserem gewohnten Erleben verbinden können, um es zu verarbeiten.

Aber wenn man das, was in Staufen passiert ist, für anormal erklärt – schiebt man es nicht einfach von sich weg?

Das geht nicht. Gewiss, eine  Zeit lang kann man die Dinge  wegschieben, um sich vor ihnen zu schützen, etwa indem man sich  auf die Ermittlungsarbeit konzentriert. In einer zweiten Phase brauchen wir aber stabilisierende Bewältigungsstrategien. Dazu müssen wir außerhalb der  Arbeit etwas haben, aus dem wir psychische Energie ziehen können, wie  etwa   die Familie. Doch wir haben es hier mit  Sexualverbrechen in der Familie zu tun. Mit den Bildern davon im Kopf verliert man die Unbefangenheit im Umgang mit der Familie:  Ich nehme  mein Kind auf den Arm, und es stellen sich die Bilder wieder ein, die ich  gesehen habe, in völlig anderem Kontext. Das kann irritieren. Deshalb muss man es als nicht  Normales für sich abgeschlossen haben, und so kann man  es  einordnen, ohne es wegzuschieben: Ich bin normal, aber das im Dienst Erlebte ist nicht normal.

Man stellt sich vor, dass diese Missbrauchsfilme  Alpträume auslösen.

In dieser Gruppe wurde das nicht thematisiert. Hier ging es darum, dass das eigene Weltbild ins Wanken geraten ist, dass die Ermittlerinnen und Ermittler ihr eigenes Handeln in Frage stellen, ja was am Verhalten noch normal ist.

Ihr Wertesystem wird angegriffen durch die Beschäftigung mit dem Missbrauchsfall?

Ja, das haben sie berichtet. Es schleichen sich bei dem einen oder der anderen  Zweifel am eigenen Weltbild ein. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Fall sehen wir unsere Handlungen mit anderen Augen und stellen zum Teil unsere Werte in Frage. Der ­Zweifel sollte sich aber nicht auf die eigenen Werte richten, sondern auf die Umwelt. Nicht die Dinge machen mir Angst, sondern meine Sicht der Dinge. Nur weil hier zwei Personen unnormal gehandelt haben, muss ich doch meine  Werte nicht in Frage stellen.

Das hört sich sehr rational an – aber es muss  auch emotional bei den
Polizisten ankommen. Wie haben
Sie mit ihnen konkret
gearbeitet?

Ich habe sie erst einmal erzählen lassen und dabei versucht, ihren Emotionen Raum zu geben.

Was sind das für Emotionen?

Da sind Wut, Ärger, Verzweiflung, Angst, Ekel, Aggression – ganz unterschiedlich. Das alles zu zeigen, ist ja schwierig für Polizisten, weil  das ein Stück weit auch als Schwachstelle oder Angriffsfläche gedeutet werden könnte, um in der Fallbearbeitung  als befangen oder unsachlich zu gelten. Aber im Rahmen unserer Gruppengespräche dürfen sie es, da dringt es nicht nach außen – und sie erfahren, dass sie damit nicht allein sind, dass es ihren Kolleginnen und Kollegen ähnlich geht. Sie reden zwar auch im Dienst miteinander – aber dort herrscht die Arbeit vor.   Und außerhalb dürfen sie über den Fall ja nicht reden. Daher bieten solche  Gruppengespräche zunächst einmal einfach Raum für Entlastung. Und im nächsten Schritt überlegen wir, wie man das, was man da erlebt hat, so einordnen kann, dass es eine Erfahrung ist, die man unter Kontrolle hat, und dass diese Erfahrung nicht das eigene Leben ist. Dazu gehört die Einsicht, dass das, was ich da als Ermittlerin oder Ermittler mache, große Sinnhaftigkeit enthält,  nämlich dass die Verantwortlichen für diese Taten überführt werden und durch diesen Erfolg weitere  Kinder geschützt sind.

Gebürtiger Hamburger

Isaac Bermejo Bragado (54), als Kind spanischer Eltern in Hamburg geboren und seit dem dritten Lebensmonat in Freiburg zuhause, hat Psychologie studiert, in dem Fach promoviert und sich habilitiert. Seit 2015 bietet er am Universitätsklinikum Freiburg Supervisions- und Coachingdienste für Beschäftigte an; seine Zusammenarbeit mit der Polizei reicht bis ins Jahr 1999 zurück. Auch für das am Fall Staufen beteiligte Personal am Freiburger Landgericht ist er beratend tätig – mit einer Fortbildung vor Beginn des ersten Verfahrens und je nach Bedarf mit Einzelterminen. amp

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