Serie Spuren einer langen Tradition

Baisingen / Madeleine Wegner 29.08.2018

Hubert Dettling schließt die Tür zum Nebenraum der Synagoge auf. Der Haupteingang zum früheren Gotteshaus ist seit Jahren verschlossen – als Symbol dafür, dass das Gebäude nicht mehr als Synagoge genutzt wird. Früher lebten in Baisingen (Kreis Tübingen) – wie in vielen anderen Dörfern Württembergs, Badens und Hohenzollerns – viele Menschen jüdischen Glaubens. Sie prägten die Alltagskultur, ihre Bräuche waren eng mit dem Landleben verflochten.

Ihre Synagoge ließ die jüdische Gemeinde Baisingen 1784 errichten. Als jene 1837 umgebaut wurde, war jeder dritte Einwohner des Dorfes jüdisch. Etwa hundert Jahre später verhinderten in der Pogromnacht nur die umstehenden Häuser, dass die Synagoge 1938 abgebrannt wurde – man befürchtete, das Feuer könnte auf die Wohnhäuser übergreifen. Neben dem am Ortsrand gelegenen Friedhof, Details wie Einkerbungen an Hauseingängen, in denen sich eine Schriftkapsel befunden hatte (eine „Mesusa“), erinnert auch die Synagoge heute noch an die jüdische Vergangenheit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie als Stall und Scheune genutzt. Hubert Dettling, der in den 1980er Jahren als Vertreter der Stadt die Verhandlungen mit den Besitzern führte, engagiert sich noch heute als Pensionär für die ehemalige Synagoge, die seit 1984 unter Denkmalschutz steht. Er ist Geschäftsführer des Fördervereins. Auch die Verhandlungen mit den Besitzern der einmaligen Baisinger Laubhütte hatte Dettling geführt. Die transportable Holzhütte kam beim mehrtägigen Laubhüttenfest („Sukka“) zum Einsatz. Die Hütten, in denen die jüdischen Familien zur Erntedankzeit speisten und feierten, wurden im Freien aufgebaut, um an den Auszug aus Ägypten zu erinnern. Ein einziges Foto zeigt eine aufgebaute Laubhütte an der Baisinger Hauptstraße, die heutige Kaiserstraße. Eine solche Laubhütte aus Baisingen wurde jahrzehntelang als Geflügelhäuschen genutzt. Mittlerweile ist das Kulturdenkmal restauriert und derzeit in einer Sonderausstellung zu jüdischer Alltagskultur im Freilichtmuseum Beuren (Kreis Esslingen) zu sehen.

„Wir kamen gut miteinander aus. Ich kann mich nicht erinnern, dass es wegen der verschiedenen Religionen jemals zu Streitigkeiten kam!“, schreibt Werner L. Marx, Jahrgang 1921, in seinen Memoiren über das Verhältnis von Juden und Christen während der Schulzeit in seinem Heimatort Buttenhausen bei Münsingen.

Das Zusammenleben von Juden und Christen auf dem Land hatte im Südwesten eine lange Tradition. Viele Reichsstädte duldeten im Spätmittelalter keine Juden. So war die jüdische Bevölkerung auf kleinere Herrschaften in den territorial zersplitterten Landstrichen angewiesen. Ihr Aufenthaltsrecht und die Handelsberechtigungen mussten sie vom jeweiligen Landesherren in Form teurer Schutzbriefe erwerben. Ins reichsritterliche Baisingen kamen die ersten Juden nachweislich im 16. Jahrhundert.

Die bürgerliche Gleichstellung erhielten die Juden in Württemberg durch 1862 und 1864 erlassene Gesetze. So konnten sie sich auch politisch stärker beteiligen. 1871 wurden etwa in Baisingen mit Wolf und Gottlieb Kiefe die ersten beiden jüdischen Gemeinderatsmitglieder gewählt.

Aus dieser Zeit stammt auch folgende Beschreibung des Rabbinats Mühringen: „Die von den Israeliten bewohnten Dörfern gewannen insbesondere in den letzten Jahren durch stattliche Häuser, die sich wohlhabend gewordene Israeliten erbauten, ein freundliches, selbst städtisches Aussehen. Insbesondere zeichnet sich Baisingen durch Häuser aus, die selbst einer Stadt zur Zierde gereichen könnten.“

Die jüdischen Familien auf dem Land waren lange Zeit von Grundbesitz und Handwerk ausgeschlossen. Deshalb lebten sie oftmals vom Handel. In der Textilherstellung begründeten jüdische Geschäftsleute ab dem 19. Jahrhundert namhafte Unternehmen. Artur und Felix Löwenstein etwa gründeten in Mössingen die Weberei Pausa. Die Nationalsozialisten vertrieben 1936 die beiden Brüder aus Mössingen.

Fast alle jüdischen Bürger Badens und Württembergs wurden während der Schoah deportiert. Aus Baisingen starben mehr als 60 in Konzentrationslagern. In dem Dorf hatten 1933 noch 86 Juden gelebt. Auch die letzten jüdischen Bewohner, etwa 30 alte Leute, wurden am 19. August 1942 nach Stuttgart gebracht und wenige Tage später ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

Nach Kriegsende kehrten fünf frühere jüdische Bewohner in ihren Heimatort zurück. Hier starb die letzte Jüdin, Jeannette Koch, 1980. Ein ehemaliger ­Baisinger lebt heute noch in Tel Aviv.

Konzerte und Ausstellungen

Für den „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ am Sonntag, 2. September, haben auch im Südwesten viele Ehrenamtliche in den jüdischen Gemeinden, an Gedenkstätten und Museen ein Programm vorbereitet: Es gibt Konzerte, Ausstellungen, Synagogen- und Friedhofsbesuche, Vorträge und Filmvorführungen (www.lpb-bw.de, www.jewisheritage.org).

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