Geht das als „Leuchtturmprojekt“ der grün-­schwarzen Landesregierung geplante Hochbegabten-Internat in Bad Saulgau am Bedarf vorbei? Diesen Vorwurf erhebt die SPD-Landtagsfraktion und stellt das noch nicht beschlossene Projekt zur Elitenförderung grundsätzlich in Frage. „Braucht es da wirklich ein 80 Millionen schweres Leuchtturmprojekt wie das MINT-Gymnasium in Bad Saulgau, oder nicht eher eine Neuaufstellung der Begabtenförderung in der Fläche?“, fragt Stefan Fulst-Blei, bildungspolitischer Sprecher der SPD.

Hintergrund ist die Antwort von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) auf eine parlamentarische Anfrage Fulst-Bleis. Aus dem bisher unveröffentlichten Papier, das dieser Zeitung vorliegt, geht hervor: Ein Drittel aller Gymnasien im Land, die bereits separate Klassen für hochbegabte Schüler anbieten dürfen, können seit Jahren keine solchen Züge bilden, weil sie die jeweils nötige Mindestschülerzahl von 16 Kindern unterschreiten.

Neben dem bisher einzigen „Landesgymnasium für Hochbegabte“ in Schwäbisch Gmünd können 15 Gymnasien in Baden-Württemberg solche Hochbegabten-Züge bilden. In diesen Klassen wird vor allem der Lehrplan schneller abgehandelt, um Freiraum für darüber hinausgehenden Stoff zu schaffen. Doch an vier der Standorte – Heilbronn, Lahr, Lörrach und Rottweil – konnte „seit sechs oder mehr aufeinanderfolgenden Schuljahren kein Zug gebildet werden“, schreibt Eisenmann. Das Reuchlin-Gymnasium in Pforzheim hat zwar noch eine zehnte Klasse mit 13 Schülern, jedoch konnte dort seit fünf Jahren kein Zug mehr gebildet werden.

„Ein Drittel der 15 Gymnasien mit Hochbegabtenzügen im Ländle bekommt seine Klassen nicht mehr voll“, stellt Fulst-Blei fest. „An Käpsele mangelt es sicher nicht. Aber an Ursachenforschung, warum es seit Jahren keine entsprechend ausreichende Nachfrage an fünf Gymnasien gibt, um Hochbegabtenzüge mit der notwendigen Zahl von mindestens 16 Schülerinnen und Schülern zu starten.“

Vor diesem Hintergrund kritisiert er das Projekt für Bad Saulgau. Die Landesregierung will dort (wie berichtet) bis zu 80 Millionen Euro in Bau und Ausstattung eines neuartigen Hochbegabten-Internats investieren. In dem Gymnasium mit Focus auf den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sollen in Zukunft bis zu 192 Oberstufen-Schüler der Klassen 10 bis 12 lernen. Zum Aufnahmeverfahren gehört der Test des Intelligenzquotienten (IQ). Die laufenden Kosten beziffert Eisenmann mit sechs Millionen Euro pro Jahr.

Fulst-Blei rügt: „Während sich ein MINT-Exzellenzgymnasium gut anhört und Grün-Schwarz es öffentlichkeitswirksam zu vermarkten versucht, klaffen im Konzept zu große Lücken.“ So plant die Regierung zwar, dass die Schüler regelmäßig an Hochschulvorlesungen teilnehmen sollen, jedoch seien die Jugendlichen „mit Bad Saulgau aber auf dem Land fern von entsprechenden Hochschulstandorten untergebracht“. Eine entsprechende Frage in seiner Landtags-Initiative blieb unbeantwortet.

Wann die Schule eingerichtet wird, ist unklar. Entgegen seiner Planung hat das Kabinett eine entsprechende Vorlage Eisenmanns bisher nicht beschlossen. Das Staatsministerium von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat, wie ein Sprecher bestätigte, noch „Gesprächsbedarf“, vor allem zur Finanzierung und zur Beteiligung von Privatunternehmen an den Kosten. Auf der Kippe stehe das Projekt aber nicht. Der Ministerrat werde sich nach den Osterferien bald mit dem Thema befassen.

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Gymnasien im Land dürfen Hochbegabtenzüge anbieten. 5 konnten zuletzt keine neue Klasse bilden. Zudem gibt es ein Hochbegabten-Gymnasium in Schwäbisch-Gmünd.