Was die beiden Männer, die sich gerade eine Paella mit Meeresfrüchten schmecken ließen, mit den Entführern von Markus Würth anfangen würden, ist mit deutschem Strafrecht nicht vereinbar. Beim Sommerfest des Künzelsauer Montagekonzerns am Sonntag bestimmte das am Donnerstag bekannt gewordene Verbrechen viele Gespräche der gut 40.000 Besucher. Viele von ihnen wollten mit dem Interesse an dem Tag der offenen Tür ihre Verbundenheit mit der Familie, vor allem mit dem behinderten Opfer zum Ausdruck bringen.

„Wir alle spüren das Mitfühlen mit der Familie“, stellte Organisator Michael Kübler fest. „Wir sind alle glücklich, dass es so glimpflich ausgegangen ist“, erklärte Bernd Herrmann, Mitglied des Würth-Führungsgremiums, „denn wir alle identifizieren uns mit der Familie.“ Obwohl auf den Lohnlisten 67.000 Namen stehen, davon gut 2200 in Hohenlohe, verstehe sich das Unternehmen als Familienbetrieb: „Wir alle haben eine enge Bindung zueinander und zur Familie Würth.“ Wohl deshalb war die Belegschaft auch so schockiert über die Nachricht von der Verschleppung des Sohnes aus einer Behinderteneinrichtung in Hessen. „Das war für uns eine ganz schwierige Situation“, blickte Herrmann zurück. Harald Unkelbach, Vorsitzender der Würth-Stiftung und Präsident der Industrie- und Handelskammer Heilbronn-Franken registrierte „großes Unverständnis für die Entführung eines Behinderten – da schütteln viele Leute mit dem Kopf“.

„Nah. Näher. Würth“, lautete das Motto des Festes. Damit sollte nicht nur die enge Verbundenheit mit Kunden ausgedrückt werden. Die drei Worte beschrieben bisher auch die öffentlichen Auftritte der Unternehmerfamilie. Seit der Sohn gekidnappt und in einem Wald bei Würzburg körperlich unversehrt entdeckt wurde, steht alles auf dem Prüfstand. Personenschützer sorgen bisher sehr dezent für Sicherheit, nachdem bei den Mördern des Bankiers Alfred Herrhausen – er starb 1989 bei einem Bombenattentat der „Rote-Armee-Fraktion“ – auch ein Dossier mit Details der Familie Würth gefunden worden war.

Doch an ein Verbrechen wie die Entführung eines Behinderten hat offenbar niemand gedacht. Die Fahndung der Polizei brachte zwar noch keinen Durchbruch, aber am Wochenende wurden weitere Details bekannt. Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE ging die Lösegeldforderung nicht in der Firmenzentrale in Künzelsau ein. Tatsächlich erreichte den Anruf eine Tochterfirma, die mit der Handelssparte überhaupt nichts zu tun hat. Daraus kann geschlossen werden, dass die Täter über gute Kenntnisse der Besitzstruktur verfügen.

Auffallend ist die Fahrtstrecke der Täter, die Markus Würth am vergangenen Mittwoch verschleppt haben. Sie ließen ihr Opfer im Guttenberger Forst nahe Würzburg frei. Dieses Waldstück liegt an der Bundesstraße 19, die sich 72 Kilometer weit direkt zur Würth-Zentrale schlängelt. Für Hobby-Detektive unter den Festbesuchern steht fest, dass die Kidnapper nicht aus Nordhessen, sondern aus der Region Hohenlohe stammen – oder mindestens gute Ortskenntnisse besitzen. Wie das Entführungsopfer selbst zur Identifizierung der Täter beitragen kann, ist noch immer unklar.

Die Familie Würth, die sich sonst gerne unter Mitarbeiter und Bevölkerung mischt, blieb dem Fest fern. Dazu hatten auch Freunde geraten. Benachteiligte – wie der Flüchtlingschor Badinya – vertrauen darauf, dass die Unterstützung vor allem durch Carmen Würth fortgesetzt wird, auch wenn sie nun wohl mit Bodyguards zu Treffen käme, wie aus dem Umfeld der Sänger zu erfahren war. Das Ehepaar Würth hielt sich zum Zeitpunkt der Entführung in Griechenland auf. Dabei ging es nicht um Geschäfte, Carmen und Reinhold Würth kümmerten sich um die Fortschritte in dem von ihnen geförderten „Estia Agios Nikolaos“ im Fischerort Galaxidi nahe Delphi. In dem Dorf leben Behinderte und Nichtbehinderte zusammen – so wie im hessischen Hofgut Sassen, wo Markus Würth entführt worden ist.

Keine heiße Spur

Fahndung Die Sonderkommission „Hof“ der Polizei in Fulda hatte gestern noch keine „heiße Spur“ von den Entführern des Unternehmersohns Markus Würth. Aus ermittlungstaktischen Gründen fallen die Informationen über den Stand der Fahndung nur spärlich aus. Der 50-Jährige war im Wald an einen Baum gefesselt worden. Die Kidnapper hatten der Polizei den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib ihres Opfers offenbar selber gegeben.