Mobilität So geht Trampen heute: Mitfahrbank macht mobil

Alfred Wiedemann 04.01.2017

Zugegeben, jetzt, im Winter, werden die Bänke nur selten benutzt. Es ist zu kalt. „Ab und zu steht aber schon jemand da“, sagt Alois Peter, „lange warten muss man nicht, bis ein Auto hält.“ Eine der beiden blaugestrichenen Bänke steht am Dorfeingang von Herlaz­hofen. Die andere vier Kilometer weiter, in Leutkirch. Wer in die Stadt muss und retour und kein Auto hat, kann die Bank nutzen. Wer hier wartet, signalisiert Autofahrern: Mitfahrgelegenheit gesucht!

Richtig laufen dürfte die Mitfahrbörse vom Frühjahr an, wenn’s wärmer wird. Interessierte haben sich auf der Ortschaftsverwaltung schon mit dem dazugehörigen Infomaterial und Aufklebern  eingedeckt, sagt Ortsvorsteher Peter. Das Angebot sei nötig: Der Bus fährt selten zwischen Herlazhofen und dem Zentralort Leutkirch mit Geschäften, Ärzten und Ämtern. Um 17.30 Uhr ist Schluss mit dem öffentlichen Nahverkehr. Die Mitfahrbank soll die 900 Herlazhofer mobiler machen. „Es hat ja nicht jeder ein Auto zur Verfügung“, sagt Peter.

Einer der Dorfbewohner habe die Bankidee vor Jahren schon gehabt.  „Das ist wieder eingeschlafen.“ Als dann aber dieses Jahr in der alten Schule in Herlazhofen Flüchtlinge einquartiert wurden, die alle aufs Rad oder den Bus angewiesen sind, kam im Helferkreis die Idee mit der Mitfahrbank wieder auf. Viele haben angepackt, „alles ehrenamtlich“, sagt Peter. Seit Anfang Dezember stehen die zwei Mitfahrbänke.

Das ist erst der Anfang: Leutkirchs 22 500 Einwohner verteilen sich auf Kernstadt und acht Ortschaften mit zig Weilern und Wohnplätzen. 175 Quadratkilometer groß ist die Gemeinde im württembergischen Allgäu. Ein Bushalt an jeder Milchkannet? Unbezahlbar! Mitfahrbänke bringen aber ein bisschen mehr Mobilität. „Herlazhofen ist das Pilotprojekt, das Schule machen kann“, sagt Ortsvorsteher Peter. Je nach Bedarf sollen weitere Leutkircher Ortschaften solche Bänke bekommen. An einem Konzept werde gearbeitet, sagt Peter. Geld aus dem  Leader-Programm der EU zur Regionalförderung macht es möglich.

Die Mitfahrbank ist keine Erfindung der Allgäuer. Seit mehr als zwei Jahren gibt es sie in der Eifel (mehr im Info-Kasten). Die neumodische Art des Trampens könnte sich jetzt auch in Baden-Württemberg ausbreiten. „Das ist eine sehr gute Idee“, sagt  Hans Zimmerer, Vorsitzender des Kreisseniorenrats Ravensburg. „Bei uns auf dem Land gibt es viele Dörfer mit schlechten Busverbindungen. Von den Bänken hätten nicht nur die Senioren was, sondern auch die Jungen.“  Eine Idee zur Finanzierung hat Zimmerer auch schon: „Firmen könnten die Bänke stiften.“

„Ohne solche Initiativen sind die Mobilitätsprobleme  auf dem Land auf Dauer nicht zu lösen“, sagt Matthias Knobloch vom  Auto Club Europa. Angebote wie die Mitfahrbank seien auch keine Konkurrenz für Busse oder Taxis, sondern notwendige Ergänzung. Denkbar sei, dass man solche Angebote noch ausbaut, beispielsweise mit einer privaten Mitfahrbörse im Internet, organisiert von Dorfbewohnern. „Da kann man schon von Zuhause aus Mitfahrgelegenheiten verabreden.“

Bedenken wegen Versicherung und Haftung kann der Fachmann vom Automobilclub zerstreuen: „Autofahrer brauchen für die private Mitnahme keine zusätzliche Versicherung. Die normale Haftpflicht deckt das ab“, sagt Knobloch. Eine zusätzliche Unfall- oder Insassenversicherung könne man abschließen, das müsse aber nicht sein.

Zeit, dass es Frühling wird. Damit sich keiner  mehr was abfriert  auf der Mitfahrbank.

Erfindung aus der Eifel

Das Original ist türkis und steht im Kreis Bitburg-Prüm (Rheinland-Pfalz): Jugendliche, Senioren und Familien nutzen die vom „Netzwerk Mobilität in der Verbandsgemeinde Speicher“ erfundenen Mitfahrerbänke seit 2014. Kein Ersatz für lückenhaften Busverkehr, aber wichtige Ergänzung: Zwölf  Bänke sind es inzwischen in der Gemeinde. Im Hunsrück gibt es die Mitfahrerbank mittlerweile, auch in Nordhessen und seit Herbst im Kreis St. Wendel im Saarland. aw