Handelsbeziehungen Handelsbeziehungen: Singapur, das Tor zu Asien

Die Delegation der Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut im Blick der Überwachungskamera von Bosch.
Die Delegation der Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut im Blick der Überwachungskamera von Bosch. © Foto: Christoph Sage
Roland Muschel 23.11.2016

Block 71 beherbergt in aufgeräumten Büros voller junger T-Shirt-Träger die Zukunft Singapurs, jedenfalls einen Teil davon. In dem 70er-Jahre-Gebäude sitzen 250 Start-up-Unternehmen; der asiatische Stadtstaat unterstützt hier vom Computerspiele-Entwickler bis zum Hersteller von Linsen für Handykameras alles, was sich zu einem Geschäft entwickeln könnte. „Wir müssen in dem Bereich auch mehr tun!“, lautet das Fazit von Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut nach der Führung durch das Start-up-Zentrum.

Auf ihrer ersten Auslandsreise besucht die CDU-Politikerin, begleitet von Mittelständlern, Politikern und Wissenschaftlern, zwei Tage lang Singapur. Mit dem Stadtstaat pflegt das Land seit langem Handelsbeziehungen; 1995 hat die Landesbank Baden-Württemberg hier das erste „German Centre“ ins Leben gerufen, um die Auslandsgeschäfte heimischer Mittelständler zu unterstützen. 2015 hat Baden-Württemberg Waren im Wert von 1,1 Mrd. € nach Singapur exportiert, 3,4 Prozent mehr als im Vorjahr. „Als Exportland müssen wir diesen Wachstumsmarkt ständig beackern“, sagt die Ministerin.

Neben Firmenbesuchen und Vier-Augen-Gesprächen mit Ministern steht ein Gespräch mit der Leiterin der Nationalgalerie, Chong Siak Cheng, auf dem Programm. In wenigen Tagen feiert die Nationalgalerie ihr einjähriges Bestehen; ihr Vorzeigewerk ist ein vier Meter großes Ölgemälde des Indonesiers Raden Saleh von 1849. Es zeigt Tiger, die vor einem Waldbrand flüchten.

Kreative locken

Tatsächlich soll die von der Führung des „Tiger“-Staats geförderte Kunstszene jedoch Investoren und deren Mitarbeiter ins Land locken und das Image fördern. Zensur, Kaugummiverbot und Todesstrafe zum Trotz. „Um weiter zu wachsen, brauchen wir neue, eigene Ideen. Singapur versucht deshalb, mehr kreative Industrie anzusiedeln“, sagt Chong, die früher selbst Unternehmerin war. „Und Kunst fördert kreatives Denken.“

Der 5,5-Millionen-Einwohner-Staat gilt als „Tropenübungsplatz“, als Tor zu den neun weiteren Asean-Staaten mit über 600 Mio.  potenziellen Kunden. Die baden-württembergischen Exporte in die tropische Region haben sich in den vergangen zehn Jahren verdoppelt – auf  4,1 Mrd. €.

Fast 1500 deutsche Unternehmen steuern von Singapur aus ihre Geschäfte in den Asean-Staaten und darüber hinaus – davon 300 aus dem Land. Eine davon ist die Balluff GmbH aus Neuhausen auf den Fildern, ein Spezialist für Sensoren und Automatisierungstechnik, der hier seit 20 Jahren eine Vertriebsniederlassung unterhält. Ihr Geschäftsführer Michael Unger: „Singapur ist ein guter Startpunkt für Asien, aber der Stadtstaat ist auch selbst als Markt nicht zu unterschätzen.“

Singapur ist das drittreichste Land der  Welt und der industriell am weitesten entwickelte Staat im Asean-Verbund, zu dem auch das rückständige Myanmar zählt. „Es gibt in Singapur praktisch keine Korruption, aber qualifizierte Arbeitskräfte und einen sicheren Rechtsrahmen für Investoren“, sagt Tim Philippi, der Geschäftsführer der Deutsch-Singapurischen Außenhandelskammer.

Dagegen stehen hohe Personal- und Flächenkosten, gibt Jörg Ellerkmann zu bedenken, der Südostasienchef des Ditzinger Maschinenbauer Trumpf. Trotzdem lohne es sich. Christian Wiese, Geschäftsführer des asiatischen Ablegers des Ulmer Prüfmaschinenherstellers Zwick Roell, der seit 1997 in Singapur Geschäfte macht, empfiehlt, für die gesamte Region „einen langen Atem“ mitzubringen. „Aber dann lohnt es sich.“

Kamera mit Gefühlserkennung

Modernste Sicherheitstechnik ist eines der Segmente, auf die das Stuttgarter Unternehmen Bosch setzt, das bereits seit 1923 in Singapur präsent ist. Im Werk in Singapur zeigt Martin Hayes, der Präsident von Bosch Asean, den Besuchern aus Baden-Württemberg ein kleines Gerät an der Decke, das aussieht wie ein Feuermelder. Dahinter verbirgt sich eine „intelligente Kamera“, die die Gemütsverfassung aufgezeichneter Personen analysieren kann.

Eingesetzt wird das Gerät am neuen Terminal des Singapurer Flughafens, um potenzielle Terroristen aufzuspüren. „Singapur ist eine der am meisten beobachteten Städte der Welt“, sagt ein Bosch-Mitarbeiter bei der Führung. Das gilt mit Blick auf die hohe Kameradichte, aber auch mit Blick auf die wirtschaftliche Sonderrolle des Stadtstaats.