Serie Heim-Herz Siebenbürger Sachsen: Heimkehr nach 900 Jahren

Sieht seine Heimat in der Kultur: Bernddieter Schobel.
Sieht seine Heimat in der Kultur: Bernddieter Schobel. © Foto: Luca Schmidt
Crailsheim / Luca Schmidt 23.06.2018

Heimat ist laut Definition des Duden der Ort, an dem man aufgewachsen ist oder dem man sich verbunden fühlt. Das mag für die meisten Menschen gelten, nicht allerdings für Bernddieter Schobel aus Crailsheim: Er wurde 1940 in Rumänien geboren und ist Siebenbürger Sachse, erst mit Ende 20 kam er nach Deutschland. Er findet Heimat am ehesten in der Kultur: In der Sprache und den Traditionen.

Die Siebenbürger sind eine deutschsprachige Minderheit im heutigen Rumänien – und das seit 900 Jahren. Im 12. Jahrhundert gelangten Siedler durch die deutsche Ostsiedlung in die östlichen Randbezirke des Heiligen Römischen Reiches, etwa in das Fürstentum Siebenbürgen.

Ursprünglich stammen die meisten Siebenbürger Sachsen aus dem Mosel- und Rheingebiet. Und das haben sie nicht vergessen. „Wir haben eine andere Einstellung zum ,Deutschtum’. Für uns war das immer eine Art Selbsterhaltung, in Abgrenzung zu anderen Ethnien.“

Wegen der Herkunft und der wechselvollen Geschichte der Siebenbürger sei auch die Antwort auf die Frage nach dem Heimatland schwierig: „Ich hatte immer schon ein Mutter- und ein Vaterland – es ist nicht dasselbe. Mein Mutterland war immer Deutschland. Nicht unbedingt politisch, aber es gab schon immer diese Sehnsucht. Es war eher etwas Kulturelles.“ Politisch gehörte sein Vaterland zunächst zu Österreich-Ungarn, später dann zu Rumänien.

Deshalb lasse sich auch der Begriff Heimat nicht so einfach definieren. „Für mich ist Heimat in erster Linie die kulturelle Heimat.“ Dazu gehöre vor allem die Sprache, also Mundart oder Dialekt. Schobel arbeitet selbst an einer Kolumne für Mundart bei der Siebenbürgischen Zeitung, engagiert sich in der Kreisgruppe und ist dort Gründungsmitglied.

Wer verstehen will, warum die meisten Siebenbürger ihr Land verließen, muss in den Geschichtsbüchern blättern. „Wir lebten ab 1944 in einer national-kommunistischen Diktatur, die dem Westen zeigen wollte, wie liberal sie ist.“ So habe es beispielsweise viele deutsche Schulen gegeben. Die gibt es bis heute. Nur Siebenbürger gibt es kaum mehr in dem osteuropäischen Land.

 Das hat auch mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun: Direkt nach dem Krieg wurden die Rumäniendeutschen als „Kollaborateure Hitlers“ kollektiv entrechtet und waren der Willkür des Staates ausgesetzt. Zudem kam es zu Deportationen und Verschleppungen in die Sowjetunion.

Er selbst wollte Rumänien verlassen. „Ich war jung und wollte geistig frei sein.“ Er stellte einen Antrag, da sein Vater bereits in Deutschland war. „Sie haben nur geantwortet, dass mein Vater zurückkommen solle.“ Als er sich bereits damit abgefunden hatte, in Rumänien bleiben zu müssen, bekamen er, seine Frau, seine Mutter, sein Bruder und sein Stiefvater plötzlich doch die Erlaubnis zur Ausreise – rund 15 Jahre nach dem Antrag. „Meine Mutter rief an, dass wir einen Pass bekommen haben.“

Er und sein Stiefvater mussten allerdings sofort abreisen: „Mein Stiefvater hatte Probleme mit der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst. Bei mir wollten sie den Pass einziehen und so lange warten, bis das vorläufige Visum abgelaufen ist“, sagt Schobel. An Silvester im Jahr 1969/1970 kam er mit seinem Stiefvater in Nürnberg an.

Ob er von der deutschen Regierung „abgekauft“ wurde weiß Schobel bis heute nicht, er vermutet es aber. Denn zwischen 1967 und 1989 gab es eine Übereinkunft zwischen Rumänien und Westdeutschland, welche der deutschen Regierung ermöglichte, Rumäniendeutsche freizukaufen. Hierzu gehörten, neben den Siebenbürgern, beispielsweise auch die Banater Schwaben. Je nach Qualifikation der Ausreisewilligen floss eine Zahlung zwischen 1800 und 11 000 Mark. 226 654 Menschen konnten so nach Deutschland auswandern.

„Wir sind keine Immigranten im üblichen Sinn“, sagt Schobel. Die Siebenbürger Sachsen verstehen sich auch nicht als Menschen mit Migrationshintergrund. Anderen sei das nur schwer zu vermitteln. „Deutschland war für uns nie ein fremdes Land, es war schon immer unser Mutterland. Wir sind nur nach 900 Jahren wieder heim gekommen.“ Einen Riesenvorteil hätten die Siebenbürger Sachsen gehabt: „Wir haben die Sprache schon gekannt.“

Auch heute noch halten die Siebenbürger in Deutschland den Kontakt zueinander. 241 Ortschaften habe es einst gegeben. Als die meisten Bewohner in die Bundesrepublik kamen, wurden Kreisgruppen gegründet. Die Crailsheimer Gruppe kennt man beispielsweise vom Umzug am Crailsheimer Volksfest, an dem sie mit einer Trachtengruppe teilnehmen. „Heimat finde ich in der Kultur, die man hier leben kann und darf“, sagt Schobel. Er fühle sich in Crailsheim nicht nur zuhause, sondern wirklich daheim. „Aber ich habe meine kulturelle Heimat auch immer dabei, fast wie in einem Rucksack.“

Die Sehnsucht nach Siebenbürgen in Rumänien bleibt. „Die Gräber unserer Eltern sind immer noch dort. Deshalb versuchen viele, die Friedhöfe zu erhalten und unterstützen jene, die dort geblieben sind.“ Schobel vermisst auch die Orte seiner Kindheit – einen Weg dorthin zurück gibt es aber nicht mehr. „Das, was ich als Heimat meiner Kindheit vermisse, gibt es nicht mehr. Die meisten Menschen dort sind weg.“

Azubi- und Volontärsprojekt

Heimat In der Serie heim|herz beschäftigen wir uns mit den verschiedenen Facetten des Themas Heimat. Die Texte sind im Rahmen eines gemeinsamen Projekts aller Auszubildenden, Studenten und Volontäre der SÜDWEST PRESSE entstanden. Das Ziel von heim|herz ist es, verschiedene Facetten von Heimat darzustellen. Nicht altmodisch und heimelig, sondern neu und anders. dna

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