Sie hatten sich im Internet über Facebook kennengelernt, schrieben sich zwei Jahre lang regelmäßig, trafen sich, schließlich wurden die damals 14-Jährige und der 17-Jährige ein Paar. 130 Kilometer trennten die beiden Jugendlichen. Um sich "bei Laune" zu halten, wie der heute 21-Jährige sagt, schickten sie sich erotische Bilder. "Sexting" nennt sich dieser Austausch von Fotos in aufreizenden Posen. Es ist eine Wortschöpfung aus dem englischen "Texting" und "Sex".

Doch elf Intimfotos des Mädchens landeten im Internet. Der 21-Jährige musste sich deshalb vor dem Tübinger Amtsgericht wegen Verbreitung jugendpornografischer Bilder verantworten. "Die Jugendabteilung hat deutlich mehr mit solchen Fällen zu kämpfen", sagt Tatjana Grgic, Tübinger Pressestaatsanwältin. In den vergangen Jahren hätten Prozesse, die im Zusammenhang mit Sexting stehen, deutlich zugenommen - allerdings nicht im Erwachsenenstrafrecht, sondern bei Jugendlichen.

"Das ist kein Problem, das besonders häufig bei uns auftaucht", sagt hingegen Gudrun Schäfer von der Beratungsstelle "pro familia" in Tübingen. Die Pädagogin gibt zu bedenken: "In erster Linie ist Sexting eine Kommunikationsform, die angemessen sein kann. Dabei muss es nicht zwingend zu negativen Erfahrungen kommen." Im Gegensatz etwa zu den USA gebe es in Deutschland kaum Untersuchungen zu dem Thema. Doch laut Schäfer verschicken eher ältere Jugendliche in einer vertrauten Paar-Beziehung erotische Bilder. Ein Bikini-Bild vom Strand, ein trainierter Oberkörper vor dem Spiegel: "Der Grad der Sexualisierung der Bilder ist meistens gering", sagt die Pädagogin.

Sexting ist eine Form der Bestätigung innerhalb einer Beziehung, aber auch ein Phänomen, das die technischen Neuerungen möglich gemacht haben: Das Smartphone ist Telefon, Kamera und Internetzugang in einem. Längst gehört es zum Alltag von Jugendlichen - und der meisten Erwachsenen.

"Die meisten Jugendlichen sind sich der Risiken beim Versenden solcher Bilder bewusst und gehen damit verantwortlicher um als so mancher Erwachsene", sagt der Psychologe Clemens Zeller. Bei der Prävention sehen Schäfer und ihr Kollege Zeller vor allem die Schulen und die Eltern in der Pflicht. "In der Medien- und in der Sexualpädagogik müssen Jugendliche Raum haben, über solche Themen zu sprechen", sagt die Pädagogin. Im Fall vor dem Tübinger Amtsgericht zerbrach die Fernbeziehung der beiden Jugendlichen, weil sich das Mädchen für den besten Freund ihres Partners interessierte. Daraufhin habe er die Nacktfotos seiner Ex-Freundin ins Internet gestellt, sagte der Angeklagte.

Streit, Eifersucht, Wut, Rache oder Rivalitäten: Es gibt viele Gründe, warum ein intimes Bild öffentlich wird. "Das kann eine Affekthandlung sein, um der Person in dem Moment zu schaden - ohne sich jedoch über die Auswirkungen im Klaren zu sein", sagt Schäfer.

Beschämung, Mobbing, Reputationsverlust: Die Konsequenzen sind für die Betroffenen fatal. "Das kann einen Menschen sehr lange verfolgen", sagt Schäfer. Auch nach Monaten oder Jahren können die Bilder noch im Internet zu finden sein. "Den Eltern zu sagen, dass solche Bilder existieren - dieser Schritt fällt einem Jugendlichen natürlich schwer", sagt die Pädagogin. Dennoch sollte der oder die Betroffene einem vertrauten Erwachsenen davon erzählen - und das so schnell wie möglich, um die Verbreitung der Bilder zu stoppen. Der Erwachsene sollte auch mit den Jugendlichen Kontakt aufnehmen, die das Bild eventuell verbreitet haben, oder mit den jeweiligen Eltern, um zu verhindern, dass das Bild noch weitere Kreise zieht. Außerdem finden nicht nur Jugendliche, sondern auch Eltern bei Beratungsstellen Hilfe und Unterstützung.

Eine Strafanzeige müsse man im Einzelfall abwägen, sagt Schäfer. Die Befragungen bei der Polizei, das erneute Ansehen der Bilder und der Gerichtsprozess: All das könne zusätzlich stark belasten. "Aber grundsätzlich ist es ein Straftatbestand", gibt die Pädagogin zu bedenken.

Gestern musste die mittlerweile 19-Jährige vor Gericht als Zeugin aussagen. Sie hat ihrem Freund verziehen, ist mit dem 21-Jährigen sogar wieder liiert. Das Gericht ließ den Anklagepunkt der Verbreitung von Jugendpornografie fallen, verurteilte den Heranwachsenden jedoch zu einer Geldstrafe und psychologischer Beratung, denn er hatte zusätzlich kinder- und jugendpornografische Bilder besessen.

Verletzte Rechte

Besitz strafbar Wer ohne Erlaubnis des Fotografierten Bilder verbreitet oder Menschen in besonders persönlichen Situationen aufnimmt, macht sich strafbar und verletzt das Recht am eigenen Bild oder gar des "höchstpersönlichen Lebensbereichs". Ist die abgebildete Person minderjährig, geht es auch um jugendpornografische Fotos und Videos. Bei Kindern unter 14 Jahren handelt es sich um Kinderpornografie. Nicht nur die Verbreitung, auch deren Besitz ist strafbar. Seit der Reform des Sexualstrafrechts zählt auch das "Posing", Aufnahmen in unnatürlich aufreizender Haltung, zur Kinder- oder Jugendpornografie.