Bildung Schulleiter: Zwischen Pädagogik und Verwaltung

Stuttgart / Axel Habermehl 23.07.2018
Überall im Land fehlen Schulleiter. Warum wollen so wenige Lehrer den Job machen? Wir haben einen Rektor besucht und gefragt.

Karl-Josef Strohm hat dieser Tage besonders viel zu tun. Es ist der letzte Freitag vor den Ferien, da gibt es einiges zu organisieren. Er muss noch Bücher für das neue Schuljahr bestellen. Außerdem liegen auf dem Schreibtisch des Rektors noch alle 73 Zeugnisse zum Korrekturlesen, die an der Grundschule in Attenweiler am Mittwoch ausgegeben werden. Ein paar Schritte weiter probt die Schulkapelle „Hänschen klein“ für die Abschlussfeier.

Ach, die Feier. Nicht nur, dass der Rektor wieder einen Jahrgang Viertklässler aus dem übersichtlichen oberschwäbischen Dorf entlassen muss. Es gab auch einiges zu planen: Gottesdienst, Dekoration, das Programm. Er hat alle Einladungen geschrieben, verpackt, adressiert und verschickt. „Ich bin Lehrer, Hausmeister und Sekretärin in einer Person“, sagt Strohm. Zigmal habe er beim Gemeinderat gefragt, ob er nicht an ein oder zwei Tagen in der Woche eine Schreibkraft bekommen könne. Vergeblich. Immerhin hat Attenweiler inzwischen einen Bauhof, die Arbeiter helfen Stühle schleppen.

„Man kann viel bewegen“

Strohm, 63, ist ein Mann, dem die Warmherzigkeit aus den Augen blitzt und seit 22 Jahren hier Rektor. Für ihn sei es eine erfüllende und schöne Aufgabe mit Kindern zu arbeiten, sagt er. Schulleiter sei ein facettenreicher Beruf, in dem man, gemeinsam mit dem Lehrerkollegium, viel gestalten und bewegen könne.

Es ist aber ein Beruf mit Nachwuchsmangel. Baden-Württemberg fehlen Schulleiter, besonders an kleinen Grundschulen auf dem Land. 147 unbesetzte Stellen waren es im Februar bei der letzten Stichprobe. Viele Lehrer scheuen die Verantwortung, den Verwaltungskram, den Kontakt mit dem Schulamt.

Das Problem ist bereits altbekannt. Der Rechnungshof etwa schlug 2014 Alarm. Eine Befragung von 2300 Schulleitern hatte ergeben, dass viele neben ihren Verwaltungsaufgaben kaum Zeit für päda­gogische Arbeit hätten. Der Rechnungshof schrieb: „Die zentrale Herausforderung für Schulleitungen besteht in der Balance zwischen pädagogischer Führung und Verwaltungsmanagement. Mehr als zwei Drittel sehen eine solche als nicht gegeben an. Dieses Ungleichgewicht wirkt negativ auf die Schulleitungstätigkeit.“ Es bestehe Handlungsbedarf.

Landesregierung will Bedingungen verbessern

Den sehen auch Kultuspolitiker in Stuttgart. „Schulleiter haben zentrale Leitungs- und Steuerungsfunktion und sind entscheidend für die Qualitätsentwicklung der Schule“, sagt etwa der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Karl-Wilhelm Röhm. Seit Monaten arbeitet die Landesregierung an einem Konzept, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Im April hieß es, es werde demnächst vorgestellt. Die Grünen veröffentlichten bereits ein Positionspapier, das etwa höhere Bezahlung und die Entlastung von Verwaltungsaufgaben vorsah. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte damals: „Wir sind in der Endabstimmung. Das Konzept steht weitgehend, auch finanziell.“

Ähnliches hört man bis heute. „Es gab Verzögerungen“, sagt eine Sprecherin Eisenmanns. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) habe sich persönlich eingeschaltet und mehrfach mit Eisenmann beraten. Nun sei der Plan fast fertig, den Sommer über werde es noch Gespräche geben, unter anderem mit Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne). Im Herbst solle die Sache ins Kabinett und für den nächsten Landeshaushalt beschlossen werden. Man wolle möglichst schon zum Schuljahr 2019/2020 erste Neuerungen einführen.

Dazu zählt eine Besoldungssteigerung für Leiter kleiner Grundschulen: von A12 plus Zulage auf A13. Das bekommen heute nur Rektoren von Schulen mit über 80 Kindern. An kleineren Schulen, wo der Mangel sehr groß ist, kriegen Rektoren heute nur 167 Euro mehr als die übrigen Lehrer – kein üppiger Anreiz. Umstritten in der Koalition ist, ob man die Grenze bei 60 (Grüne) oder 40 (CDU) Kindern zieht.

Klagen über viele statistische Anfragen

An größeren Schulen will die Koalition etwas für Konrektoren tun, um Verwaltungsaufgaben auf mehr Schultern zu verteilen. Im nächsten Schritt will man an Anrechnungsstunden für Lehrer schrauben. Sie sollen weniger unterrichten müssen, wenn sie bestimmte Aufgaben übernehmen. Das schiebt man aber lieber auf, schließlich herrscht gerade Lehrermangel im Land. Für große Schulen will man schließlich Verwaltungsassistenten anstellen, wobei hier die Kommunen noch ein größeres Wörtchen mitzureden haben. Sie sind für die Bezahlung von nicht-­päda­gogischem Personal verantwortlich.

Auch weitere Maßnahmen zur Verwaltungsentlastung sind im Gespräch. Ein Thema aber wird das Land nicht abräumen können. Rektoren klagen über viele statistische Abfragen des Ministeriums. „Da gibt es ständig neue“, sagt Strohm. Die letzte, die er bearbeiten musste, betraf hitzefreie Tage. An seiner Schule gab es dieses Jahr aber keine, also musste sich Strohm ins Computerprogramm einloggen und „Null“ eintragen. „Ich habe eine gewissen Routine“, sagt er. „Aber diese Verwaltungssachen sind nicht meine Herzensarbeit.“

Anspruchsvolle Arbeit

Sie werden aber eher noch zunehmen. Datengestütztes Bildungscontrolling ist gerade ein ganz heißes Thema. „Die Arbeit von Schulleiterinnen und Schulleitern ist anspruchsvoll und die Aufgaben sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen – auch bei der Qualitätsentwicklung von Schule und Unterricht, bei der die Schulleitung eine herausgehobene Bedeutung hat“, sagt Eisenmann. Die Teilnahme an Leistungstests und entsprechende statistische Abfragen gehörten dazu. „Diese datengestützte Schulentwicklung ist auch ein zentraler Bestandteil unseres neuen Qualitätskonzepts.“ Trotzdem wolle sie Schulleitungen „durch günstigere Rahmenbedingungen“ auch bei dieser wichtigen Aufgabe entlasten und gleichzeitig stärken, etwa, indem sie Unterstützungsstrukturen neu ordne und so Kräfte bündele.

Spürbar Entlastung brächte wohl eine einheitliche Schulverwaltungssoftware, die automatisiert Daten liefert. Doch damit wird es vorerst nichts. Das dereinst vorgesehene Programm ASV gilt, 14 Jahre nach dem Anschaffungsbeschluss, als gescheitert.

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