Bildung Schuljahresbeginn: Die Verwaltung des Mangels

Stuttgart / Axel Habermehl 07.09.2017
Wenn am Montag das neue Schuljahr beginnt, werden landesweit hunderte Lehrerstellen unbesetzt sein. Kultusministerin Eisenmann kratzt Deputate zusammen.

Im Kultusministerium ist dieser Tage Kreativität gefragt. „Die Schulverwaltung zieht alle Register, um die Unterrichtsversorgung zu sichern“, vermeldet Ministerin Susanne Eisenmann. Denn die CDU-Politikerin hat ein Problem: Sie hat zum Schuljahresbeginn am Montag nicht genügend Lehrer. „Wir sind bei der Unterrichtsversorgung weiter auf Kante genäht.“

Das Problem besteht bundesweit und ist nicht neu. Schon lange warnen Bildungsgewerkschafter, Lehrer und Eltern vor Lehrermangel und drohenden Ausfällen. Eisenmann selbst legte im Juli ein Maßnahmenpaket zur Lehrergewinnung vor. Doch nun wird es ernst: Das Schuljahr steht vor der Tür – und in den Kollegien klaffen teils deutliche Lücken. Eisenmann fürchtet: „Wenn im November die Krankheitswelle kommt, werden wir Ausfälle haben.“

Noch 635 Stellen unbesetzt

Von 5100 offenen Stellen konnten diesen Sommer nur 4465 besetzt worden. Vor allem fehlen 480 Grundschullehrer und 105 Sonderpädagogen. Besser sieht es an Haupt- und Werkrealschulen, Realschulen, beruflichen Schulen und Gymnasien aus. Dort sind fast alle Posten besetzt. In der Flüchtlingsbeschulung wurden alle befristeten Stellen verlängert.

Um dem Mangel abzuhelfen, geht das Land neue Wege. Die Verwaltung reagiert restriktiver auf Teilzeitwünsche, bittet Pensionäre zu bleiben und ermöglicht es arbeitslosen Gymnasiallehrern, mit Nachqualifizierung an Grundschulen auszuhelfen. Außerdem will das Ministerium mehr Lehrer ausbilden und hat daher die Zahl der Studienplätze erhöht. Doch diese Maßnahme greift erst in mehreren Jahren, der Mangel aber besteht akut.

Besonders auf dem Land fehlen Lehrer, etwa im Hohenlohekreis, oder in den Regionen Lörrach, Waldshut, Konstanz und Tuttlingen. Dort bewerben sich zu wenige junge Lehrer auf Stellen, die vor allem durch die große Pensionierungswelle – 4300 der 5100 zu besetzenden Stellen – frei geworden sind.

„Der Mangel ist ganz unterschiedlich verteilt“, sagt Eisenmann. „Stellen in Freiburg oder Stuttgart könnte ich x-fach besetzen.“ Die Ministerin beklagt „ein hohes Maß an Unflexibilität“ bei Junglehrern. Es gebe 209 fertig ausgebildete Pädagogen, die auf eine Einstellung verzichten, „weil sie nicht die Flexibilität aufbringen, eine Stelle im ländlichen Raum anzunehmen“.

Die Verwaltung schmiede daher in zunehmendem Maß „Versetzungsketten“: Beamte, die an beliebten Orten oder Schulen arbeiten, werden einige Kilometer nach außerhalb versetzt, von dort wiederum andere Kollegen in die Mangelregionen und so weiter. Die freiwerdenden Stellen werden neuen Bewerbern angeboten. Bislang habe es dieses Jahr etwa 100 dienstliche Versetzungen im Rahmen solcher „Versetzungsketten“ gegeben. Eisenmann betont, es gehe nicht um Versetzungen an weit entfernte Orte. Auch werden immer mehr Lehrer an andere Schulen abgeordnet.

Aus Sicht der Opposition sind das „Verzweiflungstaten“, wie es der bildungspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion Timm Kern ausdrückt. „Versetzungsketten“ könne „in der Not gerechtfertigt sein. Aber es ist sicherlich kein längerfristig wirksamer Beitrag zur Gewinnung von zusätzlichen Lehrerinnen und Lehrern.“ SPD-Fraktionschef und Ex-Kultusminister Andreas Stoch (SPD) kritisiert: „Kultusministerin Eisenmann muss nun an allen Ecken und Enden Feuerwehr spielen, hat sich aber durch die Streichung von über 1000 Lehrerstellen den Schlamassel selbst mit eingebrockt.“

Doro Moritz, Landesvorsitzende der Gewerkschaft GEW, sagt: „Ich kann mich nicht erinnern, dass schon einmal zum Schuljahresbeginn 13 Prozent der offenen Stellen nicht besetzt werden konnten. Gerhard Brand, Landeschef des Verbands Bildung und Erziehung, hat dagegen den Eindruck, dass Eisenmann „im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles tut, um die derzeitige Situation zu bewältigen“.

Wo besonders viel Personal fehlt
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel