Yousef hat nie eine Schulbank gedrückt. Statt Lesen und Schreiben zu lernen, arbeitete der junge Afghane als Schuhmacher. Doch Yousef strebte nach mehr. "Ich wollte weiter leben", beschreibt er den Grund für die Flucht aus der zerstörten Heimat. Nach einer Odyssee mit Boot, Auto und zu Fuß erreichte er als unbegleiteter Jugendlicher Deutschland.

Dass Yousef innerhalb von zwei Jahren seinen guten Hauptschulabschluss macht und gleich danach einen Ausbildungsplatz als Installateur findet, hätte sich der 23-Jährige mit dem blauen T-Shirt seiner Firma wohl nie träumen lassen.

Der zurückhaltende junge Mann gehört zu den tausenden Flüchtlingen, die Jahr für Jahr in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Baden-Württemberg stranden - und zu denen, die aus dieser Chance dank Bildung das Beste machen. Der Flüchtling mit Bleiberecht hat ein "Vorqualifizierungsjahr" mit Schwerpunkt Spracherwerb und das berufsorientierte Vorbereitungsjahr in der Käthe-Kollwitz-Schule in Esslingen absolviert.

Die Zahl der Flüchtlinge im Land steigt rapide - und noch schneller die der schulpflichtigen Flüchtlingskinder. In diesem Jahr rechnet die Landesregierung mit der Zuweisung von 52.000 Menschen, rund ein Drittel davon ist schulpflichtig. Im Vergleich zum Vorjahr, sagt Kultusminister Andreas Stoch (SPD), ist dies mehr als eine Verdoppelung - und auch deutlich mehr, als die Regierung vorher geschätzt hatte. "Die Planungsgrundlagen verändern sich ständig", sagt Stoch.

Die Schulpflicht beginnt ein halbes Jahr nach dem Zuzug aus dem Ausland - ohne Rücksicht auf die Herkunft oder die wirtschaftliche Lage. Deshalb werden auch Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien unterrichtet, auch wenn sie vielleicht bald abgeschoben werden. Das Recht auf Schulbesuch hingegen beginnt gewissermaßen sofort.

Die meisten Flüchtlingskinder stammen derzeit noch vom Balkan. Gambia und Syrien stellen ein weiteres Drittel, es folgen Nigeria, Algerien, Irak, Pakistan, Afghanistan und Eritrea. Sie sprechen bei der Ankunft in den meisten Fällen kein Deutsch, viele sind Analphabeten.

Die Schulverwaltung hat mittlerweile 780 Klassen in den Grundschulen aufgebaut, weitere 800 in den Haupt-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen. Fast 16.000 Schüler werden so landesweit unterrichtet, dazu kommen rund 1600 Jugendliche in den berufsvorbereitenden Klassen an 71 Berufsschulen. Vor allem an den Grundschulen herrscht beständiger Wechsel: Neuankömmlinge werden laufend aufgenommen - Kinder, die sprachliche Fortschritte machen, ebenso kontinuierlich in die Regelklassen abgegeben.

Schon im vergangenen Schuljahr wurden 200 Deputate bereitgestellt, doch die explodierenden Zahlen lassen auch die Zahl der Lehrkräfte nach oben schnellen. Sogar Pädagogen, die bislang nicht die Voraussetzungen für das Lehramt erfüllen, etwa Absolventen mit nur einem Fach, haben Einstellungschancen, vor allem wenn sie zusätzliche Qualifikationen in Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache mitbringen.

"Wir wollen den Flüchtlingen so gute Startchancen geben wie möglich", verspricht Stoch. Im Nachtragshaushalt wurden allein für die Schulen zehn Millionen im laufenden und knapp 17 Millionen Euro für das kommende Jahr bereitgestellt, plus weitere 2,5 Millionen für den vorschulischen Bereich.

"Der Ehrgeiz der Kinder ist der Lohn", sagt Stoch. Doch auch für die Lehrer gibt es jetzt mehr Hilfe: Zahlreiche Fortbildungsmaßnahmen der Schulämter werden angeboten, Netzwerke gebildet und nun auch eine Handreichung mit Tipps für die Praxis verteilt.

Dass das bitter nötig ist, zeigt die Kollage des 19-jährigen Sanna, der an der Käthe-Kollwitz-Schule lernt. Er soll darstellen, was ihm im Leben wichtig ist. Im Mittelpunkt des Bildes steht: "Keine Angst". Der Flüchtling aus Gambia ist einer der vielen Bootsflüchtlinge, die über Libyen nach Europa kommen. Schulleiter Thomas Fischle weiß um die Psyche solcher Menschen: "Schule muss zuerst einmal sicherer Hort sein."

Das gilt auch für die Kleinen. Lisa Vestewig, Lehrerin an der Stuttgarter Rosensteinschule, beobachtet die Müdigkeit vieler Sechs- und Siebenjähriger in ihrer Vorbereitungsklasse. "Die verarbeiten wohl nachts ihre Traumata", mutmaßt sie. Bei lauten Geräuschen zuckten die Kinder zusammen. Wie Lehrer mit solchen Situationen umgehen, können sie nicht nur in Fortbildungen lernen, für die im kommenden Jahr 800 Plätze bereitstehen. Es gibt auch eine Handreichung, verfasst von der Autorin Hanna Shah.

Shah ist Psychotraumatologin und hat bis vor kurzem bei der Betreuung von Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes mitgewirkt. Sie weiß, wie unterschiedlich schnell Kinder sich an ein neues Umfeld anpassen können: "Es gibt kein Patentrezept." Feste Regeln und stabile Strukturen aber sind unabdingbar - Schule bietet beides.

Recht auf Erziehung

Schulbesuch Die Schulpflicht für Flüchtlings- und Zuwandererkinder beginnt sechs Monate nach dem Zuzug aus dem Ausland. Die Berechtigung zum Schulbesuch regelt Artikel 11 Absatz 1 der Landesverfassung. Sie besteht auch für Kinder und Jugendliche, die vor weniger als einem halben Jahr zugezogen sind. Denn jeder junge Mensch hat in Baden-Württemberg laut Landesverfassung ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung. Mit der zeitlichen Regelung wird laut Kultusministerium vermieden, schwer traumatisierte Kinder sofort mit einer Pflicht zu überziehen.