Kriminalität Schmutziges Geld: Die Mafia im Südwesten

Stuttgart / Hans Georg Frank 10.01.2018

Die Razzia vom Dienstag sei „ein empfindlicher Schlag“ gewesen, „aber niemand darf glauben, Baden-Württemberg sei jetzt mafiafrei“, warnt Sandro Mattioli. Der Sohn eines aus den Abruzzen stammenden Italieners,  1975 in Heilbronn geboren, befasst sich seit zehn Jahren mit dem organisierten Verbrechen. Der Journalist gilt als Experte auch bei der Bewertung der Geschäfte der kalabrischen Ndrangheta, der die Gemeinschaftsaktion von italienischen und deutschen Behörden vorgestern gegolten hat.

„Für die Ndrangheta ist Deutschland eine Verwaltungseinheit mit einem Führungsgremium aus drei Personen“, fand Mattioli heraus. Er geht davon aus, dass in diesem Trio der zuletzt im Stuttgarter Raum lebende Mario L.  die Funktion des Statthalters hatte. Italienische Quellen bezeichneten den Pizzeriawirt als eine Art Finanzminister: „Das halte ich für sehr wahrscheinlich.“ L. berichtete, glaubt Mattioli, direkt dem höchsten Ndrangheta-Führungsgremium, der „mamma“. Mario L. hat nach Erkenntnissen Mattiolis für den Absatz überteuerter Waren bei Wirten gesorgt. Bei der Razzia sei er nicht in Baden-Württemberg gefasst worden, sondern bei einer Straßenkontrolle in Süditalien: „Er hat nicht damit gerechnet.“

Dieser Wirt war bereits in den 1990er Jahren für viele Schlagzeilen gut, weil er immer wieder in Verdacht geraten war, der Mafia anzugehören. Er unterhielt auch freundschaftlich anmutende Kontakte zum damaligen CDU-Fraktionschef Günther Oettinger, versorgte die CDU als Caterer mit kalabrischen Leckereien. „Aber er wurde nie wegen Mafiazugehörigkeit verurteilt“, weiß Mattioli, „auch weil belastende Aussagen zurückgezogen worden sind.“ Auf der Homepage seiner Ferienanlage in Kalabrien lässt L. wissen, er verfüge über „eine besondere Gabe, auf Leute einzugehen“.

Der Südwesten sei für die Ndrangheta und andere Mafia-Gruppen sehr wichtig als Aktions- und Rückzugsgebiet, sagt der Experte: „Das Land ist reich, politisch stabil und interessant für Investitionen, weil hier viel Geld zu holen ist.“ Dank gewachsener Strukturen seit der Zeit der „Gastarbeiter“ bestünden nützliche Verbindungen, „an die man einfach anknüpfen kann“. Das gelte fürs „Zwischenparken“ einer gesuchten Person ebenso wie für Drogenhandel und Investitionen in legale Betriebe: „In Stuttgart läuft da sehr viel.“ Mafia-Gewinne würden in Unternehmen, Baugelände und Gastronomie investiert. Nicht immer seien Italiener im Spiel: „Viel wird erledigt von Strohmännern, das können auch Deutsche sein.“

Eine „wirkliche Gefahr“ sieht Mattioli nicht  in Waffenhandel, Drogengeschäften und Prostitution („da sind die Italiener auch aktiv“), sondern eher „in dem immensen Geld, das irgendwohin muss“. Der Begriff Geldwäsche sei dafür zu verharmlosend. Mit dem „schmutzigen Kapital“ verschafften sich die Mafiosi erhebliche wirtschaftliche Vorteile, weil sie etwa günstigere Preise anbieten könnten als die Konkurrenz. „Das wird noch immer unterschätzt.“

Allein die Mitgliedschaft in der Mafia ist in Deutschland nicht strafbar, solange keine konkrete Straftat nachgewiesen werden kann. Aber nicht immer wird eine entsprechende Verbindung erkannt. Als 2015 bei Schwetzingen zwei Dealer mit sieben Kilo Kokain geschnappt wurden, habe die Polizei „einfach von Italienern gesprochen“. „Das Wort Mafia tauchte nicht auf, obwohl sie zu einem sehr wichtigen Clan gehörten“, erinnert sich Mattioli.

Er schätzt, dass allein in Baden-Württemberg zwischen 100 und 300 Mitglieder der kriminellen Familien lebten. Das Landeskriminalamt (LKA) kennt etwa 150 bis 180 mutmaßliche Mafiosi im Südwesten, die Hälfte sollen die Ndrangheta unterstützen. Als im vergangenen Sommer  ein Schlag gegen die kriminelle Vereinigung „Cosa Nostra“ gelang, sprach der LKA-Experte Wolfgang Rahm von „einer bürgerlichen Mafia“. Im Juni 2017 waren 15 Männer im Alter von 25 bis 77 Jahren verhaftet worden. Ihnen wurden Drogenhandel, schwere Gewalttaten, versuchter Mord, Raub und Erpressung vorgeworfen. Größere Mengen an Marihuana, Kokain und Schusswaffen sowie mehrere hunderttausend Euro wurden damals konfisziert. Führende Köpfe waren ein 48 Jahre alter Gastwirt aus Donaueschingen und ein 52-Jähriger aus Rottweil. „Alle waren gesellschaftlich bestens integriert“, sagte Rahm.

Elf Festnahmen

Bei der konzertierten Aktion mit 180 Einsatzkräften der Polizei wurden in der Nacht zum Dienstag in Baden-Württemberg zwei Tatverdächtige in Waiblingen und Fellbach (Rems-Murr-Kreis), ein Mann in Metzingen und einer in Achern (Ortenaukreis) festgenommen. Insgesamt wurden in Deutschland und Italien rund 170 Personen, die der Ndrangheta zugerechnet werden, dingfest gemacht. In ganz Deutschland waren es elf Personen, bei denen die Handschellen klickten.

Die Lücken werden auch nach der Großrazzia wieder geschlossen, ist Sandro Mattioli überzeugt. „Der Clan Farao-Marincola ist zwar geschwächt, aber es rücken andere Clans nach, weil Deutschland viel zu wichtig ist.“

„Mafia? Nein, danke!“

Im Verein „Mafia? Nein, danke!“, dem Sandro Mattioli vorsteht, kümmern sich 110 Mitglieder seit 2007 um die Aufklärung über die Machenschaften der organisierten Verbrecher. Auch die Fortbildung von Polizisten gehört zu den Aufgaben, monatlich informiert ein Newsletter über „die Gefahren, die aus der weitgehend verborgenen Präsenz der italienischen Mafia-Gruppen im Land resultieren“.

Den Anstoß für die Initiative gaben die Mafiamorde von Duisburg. Am 15. Juli 2007 wurden sechs Menschen vor einem italienischen Restaurant erschossen. Sie waren Opfer einer Fehde zweier Ndrangheta-Familien geworden.

Im Buch „Die Müllmafia – Das kriminelle Netzwerk in Europa“ beschriebt Mattioli, wie mit giftigem und radio­aktivem Abfall viel Geld verdient werden kann.

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