Leutkirch Schmuckstück in den Händen von Genossen

Bahnhof in Bürgerhand: Im Jahr 1889 gebaut und lange vernachlässigt, macht das renovierte Stationsgebäude heute wieder was her. Privatfoto
Bahnhof in Bürgerhand: Im Jahr 1889 gebaut und lange vernachlässigt, macht das renovierte Stationsgebäude heute wieder was her. Privatfoto
Leutkirch / RUDI SCHÖNFELD 21.04.2012
Aus ihrem heruntergekommenen Bahnhof haben die Leutkircher in eineinhalb Jahren ein Schmuckstück gemacht. Das Geld wurde über eine Genossenschaft aufgebracht. Vorbild für Projekte deutschlandweit.

Lob und Ehr wird den Bauherren von hoher Stelle zuteil: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sieht in dem renovierten Bahnhof einen "Leuchtturm für bürgerschaftliches Engagement", und die Denkmalstiftung Baden-Württemberg hat das Gebäude zum "Denkmal des Monats" gekürt.

Christian Skrodzki tut Wertschätzung solcher Art gut. Der 45-jährige Initiator und Vorstand der Bürgergenossenschaft hat über Jahre viele überzeugen müssen. Irgendwann hatte er die in der Bürgerschaft wie im Gemeinderat reichlich vorhandenen Skeptiker aber von der Idee überzeugt, den seit 1998 weitgehend ungenutzt dastehenden Bahnhof zu sanieren und wiederzubeleben. "Ich wusste", räumt er in der Rückschau ein, "dass der Kampf verloren ist, wenn die Bürger nicht mitmachen". Eine Genossenschaft schien ihm die beste Möglichkeit der Bürgerbeteiligung, "denn da haben alle die gleichen Mitspracherechte, keiner wird vom anderen über die Zahl seiner Anteile dominiert". Eine solche Einstellung muss dem Ministerpräsidenten gefallen, dessen grün-rote Regierung sich für mehr Teilhabe der Bürger an der Weiterentwicklung und Gestaltung von Staat und Gesellschaft einsetzen will. In Leutkirch, Kleinstadt mit 22 000 Einwohnern, hat Kretschmann ein Beispiel dafür gefunden, wie sich Bürger für das Gemeinwesen einzusetzen bereit sind.

Die 2010 gegründete Bürgergenossenschaft ist auf 660 Mitglieder angewachsen und hat inzwischen 1,11 Millionen Euro an Kapital eingesammelt. Eine Warteliste von beträchtlicher Länge ist für Skrodzki der schlagende Beweis dafür, dass die Leutkircher den Bahnhof als ihren Bahnhof angenommen haben, zumal die Genossenschaft auf absolute Transparenz bedacht sei, selbst als Arbeitgeber auftrete und so die Kosten im Griff behalte.

Durch den Einsatz von insgesamt 17 eigenen Angestellten, darunter etlichen Arbeitslosen, die vor allem Entrümpelungs- und Hilfsarbeiten erledigten, seien mindestens 300 000 Euro eingespart worden.

Nach nur eineinhalbjähriger Bauzeit ist aus dem 1889 erbauten Bahnhofsgebäude ein Schmuckstück geworden. Die hohen Räume mit gusseisernen Säulen, Stuckdecken und Holzvertäfelungen wurden denkmalgerecht restauriert und werden nun neu genutzt. Im Erdgeschoss soll eine Wirtshausbrauerei mit Biergarten der Anziehungspunkt fürs Publikum sein. Im ersten Obergeschoss sind Büros untergebracht und unterm Dach wird das Dokumentationszentrum für das Energiemodellprojekt "Nachhaltige Stadt Leutkirch" einziehen.

Freilich hätte die Genossenschaft das Projekt nicht alleine stemmen können. Das Land und die Stadt steuern jeweils rund 700 000 Euro zu den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Gesamtkosten bei. Für die Stadt zumindest ist das ein gutes Geschäft: Sie bekommt in ihrem Bahnhofsviertel einen neuen, attraktiven Treffpunkt und kassiert dabei auch noch jährlich 10 000 Euro an Erbpacht für das Gebäude.

Das beim Bahnhof gezeigte bürgerschaftliche Engagement in Leutkirch hat unterdessen weiteres Potenzial freigesetzt: Ein schon seit geraumer Zeit tätiger Förderverein für den Erhalt des einzigen Kinos am Ort hat inzwischen das Gebäude gekauft und will es nach dem Genossenschaftsmodell sanieren und in Eigenregie betreiben. Und rund 250 Kilometer von Leutkirch entfernt, in der Gemeinde Sulzfeld im Landkreis Karlsruhe, wurde nach Allgäuer Vorbild im vergangenen Herbst ebenfalls eine Bürgergenossenschaft gegründet, die den bereits seit 1993 stillgelegten Bahnhof an der Strecke von Karlsruhe nach Heilbronn sanieren und neu nutzen möchte.

Die Zielvorgabe ist ehrgeizig: Am 9. September, dem Tag des offenen Denkmals, soll das Gebäude renoviert sein. Die Begeisterung sei in dem 4500 Einwohner zählenden Ort ähnlich groß wie in Leutkirch, beschreibt Vorstandsmitglied Christoph Zehender die Stimmung.

Knapp eine halbe Million Euro soll die Sanierung des im Vergleich zu Leutkirch wesentlich kleineren Objekts kosten. 180 000 Euro davon hat das Land in Aussicht gestellt. Die Zeichnung der Anteile laufe bestens, berichtet Zehender. 220 von 300 Anteilen zu 1000 Euro seien verkauft. Der Bahnhof sei inzwischen entrümpelt, und ein Konzept für die künftige Nutzung gebe es auch. Zwei von drei Büros im Obergeschoss seien schon vermietet, und in der ehemaligen Gaststätte im Erdgeschoss sollen ein Kochstudio sowie ein Gemeinschaftsraum für Veranstaltungen entstehen.

Wie es aussieht, macht das Leutkircher Modell über Sulzfeld hinaus sogar deutschlandweit Schule: In Wedel (Landkreis Pinneberg) will eine neu formierte Genossenschaft die historische "Schauburg" retten. Und in Murnau am Staffelsee (Kreis Garmisch-Partenkirchen) wird zurzeit über die Sanierung des Bahnhofsgebäudes nach dem Allgäuer Muster diskutiert. Nachahmer, die sich Ministerpräsident Kretschmann wünscht, gibt es demnach bereits.

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